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China, USA und Deutschland Eine Reise ins Herz von Big Data

Sie denken, Sie haben nichts zu verbergen? Dann haben Sie sicher nichts gegen eine Komplettüberwachung. In China ist sie bereits Realität. Dort werden die Bürger mittels Punktesystem überwacht. Was bedeutet diese Entwicklung für uns?

Von: Gabriele Knetsch

Stand: 11.01.2019

Bis zum Jahr 2020 sollen in China mehr als 600 Millionen Kameras die Bürger permanent überwachen. Computersysteme, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, werten die Bilder ständig aus, analysieren das Verhalten der Menschen. Besonders beängstigend: Alle Chinesen sollen sich dem System der "sozialen Vertrauenswürdigkeit" unterwerfen. Wer sich etwas zu Schulden kommen lässt, wird in öffentlich zugänglichen Datenbanken an den Pranger gestellt. Was klingt wie eine Idee aus George Orwells "1984", ist in China inzwischen gelebte Realität.

"Wir bauen das System gerade in jeder Stadt auf. Wir teilen Informationen. Das System gilt für Firmen und für Privatpersonen. Wenn ein junger Mann heiraten möchte und seine Eltern wollen sich über die Brauteltern informieren, können sie im System ihre Vertrauenswürdigkeit checken. Heiratsagenturen nutzen das."

Zhang Zeng, Pekinger Wirtschaftsprofessor und Mitentwickler des Social Credit Systems

China: Bürger auf der Black List

Pilotprojekt seit 2014 in Rongcheng: Je nach Punktestand kommen Bürger auf eine Blacklist, oder werden auf einer Bildtafel gelobt.

Jeder bekommt ein Punktekonto. Alles, was die Menschen im Alltag tun, kann so vom Staat bewertet, belohnt oder bestraft werden. Abzüge gibt es etwa, wenn jemand über die rote Ampel fährt, sich nicht um seine alten Eltern kümmert oder "illegale religiöse Aktivitäten" praktiziert. Der Score geht auch runter, wenn man "negative Informationen" im Internet verbreitet, kurz: die Partei kritisiert.

Bis 2020 will China das System flächendeckend einführen, derzeit wird es in über 40 Pilotprojekten getestet. Bereits jetzt gibt es Schwarze Listen: Fast zehn Millionen Chinesen wurden vom Ticketkauf für Schnellzug oder Flugzeug vorübergehend ausgeschlossen.

"Das Furchteinflößende an der Polizei-Cloud ist, dass es nicht nur darum geht, die Leute zu kontrollieren. Es geht auch darum, die Beziehungen der Bürger zu erfassen, auf die die Polizei normaler Weise keinen Zugriff hat. Big Data-Programme werten dafür private Informationen aus – wann und wohin wir mit dem Zug fahren. Wann und mit wem wir im Internetcafé chatten. Man muss in China ja überall die Passnummer angeben."

Maya Wang, Aktivistin und China-Expertin bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch

Silicon Valley: Daten sind Gold

Schauplatz Silicon Valley: Wie viele persönliche Daten Facebook über seine Nutzer sammelt, wissen wir spätestens seit dem Cambridge-Analytica-Skandal. Aber das führt im Silicon Valley nicht zu einem Umdenken – im Gegenteil. Viele Gründer basteln an Big Data Anwendungen, um das nächste Facebook zu werden. Sie entwickeln Sprach-, Gesichtserkennungs- und Übersetzungssoftware – angeblich „im Dienste der Menschheit“, dabei können sie auch als Spionagesoftware für Geheimdienste, als Überwachungssoftware eingesetzt werden.

Sean Randolph vom Bay Area Council Economic Institute - oder verkürzt gesagt ein Lobbyist - hat Angst, dass Datenschutz die Wirtschaftsentwicklung ausbremst:

"Wenn der Schutz von Privatsphären das Ergebnis von Regulierung ist, führt das dazu, dass die Firmen weniger Daten benutzen können. Das könnte beispielsweise Innovation ausbremsen. Vor allem in Konkurrenz zu China, wo es keinerlei Schranken gibt."

Sean Randolph, Bay Area Council Economic Institute

Deutschland: Die nationale Sicherheit

Es gibt keine Sicherheit ohne Eingriff in Personenrechte , sagen Experten, die sich mit Drohnen und KI beschäftigen

Schauplatz Deutschland: Hier gilt seit Mai 2018 die von Sean Randolph kritisierte Datenschutzgrundverordnung der EU. Doch auch deutsche Strafbehörden greifen immer häufiger auch auf digitale Datenquellen zurück. Neue Polizeigesetze sehen erweiterte Zugriffsrechte auf private Informationen vor. Gesichtserkennung kommt im öffentlichen Raum immer mehr zum Einsatz. Unbemerkt von den Bürgern. All diese Entwicklungen zeigen: Die Big Data Überwachungsmaschinerie beginnt langsam auch bei uns zu arbeiten.

Hans-Joachim Kolb hat mit ehemaligen Geheimdienstlern, Militärs und Sicherheitsingenieuren den Verein DITS gegründet. DITS hat das Ziel, "Projekte für Anwendungen im Bereich ziviler und öffentlicher Sicherheit, insbesondere auch zur Kriminalprävention, zu fördern". Konkret geht es um Überwachungsdrohnen, Drohnenabwehr und den Einsatz künstlicher Intelligenz zur Erkennung von Verdächtigen. Kolb geht es um die nationale Sicherheit.

"Wir dürfen nicht immer nur Sorge haben, dass zu viele persönliche Dinge in die Nutzung solcher Systeme kommen, sondern müssen uns damit auseinandersetzen, was der Nutzen ist. Sicherheit ohne Eingriff in Personenrechte gibt es nicht."

Hans-Joachim Kolb, Verein DITS

Welt im Kontroll- und Datenwahn

Weltweit werden Bürger immer transparenter – Behörden, Polizei und Geheimdienste sammeln ihre Daten. Globale Digitalkonzerne erstellen genaue Nutzerprofile. Rechte Regierungen erlassen zunehmend repressive Gesetze. China aber führt der Welt gerade vor, wie umfassend sich Menschen kontrollieren lassen, wenn man staatliche Kontrolle mit den technischen Möglichkeiten von Big Data und künstlicher Intelligenz kurzschließt.

Big Data revolutioniert die Welt. Die neuen Techniken wirken sich unmittelbar auf die Gesellschaft aus. Daher müssen die Bürger in einer Demokratie an den Entscheidungen über ihre Daten beteiligt werden.

Die Autorin

Gabriele Knetsch, geboren 1967, arbeitet seit 1985 als Autorin und Radio-Journalistin überwiegend für den Bayerischen Rundfunk. Sie studierte Journalistik und Romanische Philologie und erhielt mehrere Preise und Nominierungen (u.a. Civis-Medienpreis und Prix Europa).

"Big Data - oder die Vermessung des Individuums" - Von Gabriele Knetsch

Regie: Alexandra Distler
Ton und Technik: Susanne Harasim
Redaktion: Katja Huber
Produktion: BR/WDR 2019


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