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Neues Buch: "Kudos" Wie Rachel Cusk das Prinzip Roman auf die Probe stellt

Soll man heute noch Geschichten erfinden oder gibt uns die Wirklichkeit nicht schon genug Rätsel auf? Diese Frage treibt die britische Autorin Rachel Cusk um – und an ihr scheiden sich die Geister. Cusk gibt eine sehr literarische Antwort.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 04.07.2018

Schriftstellerin Rachel Cusk | Bild: Suhrkamp Verlag

In Berichten über Rachel Cusk, die in Kanada geborene und in England lebende Schriftstellerin, kommen zwei Hinweise immer wieder vor: Erstens sei sie eine Art weiblicher Karl Ove Knausgård, zweitens zeitweise die "meistgehasste Schriftstellerin Großbritanniens" gewesen. Das hätten auch wir nun also gleich zu Beginn hinter uns gebracht. Richtig ist: Rachel Cusk teilt die prinzipielle Skepsis des norwegischen Autors gegenüber der Fiktion und hat wie er autobiografische Literatur geschrieben.

Ein kreativer Tod

Richtig ist auch: Während Knausgård international gefeiert wird, musste Cusk für ihre radikal offenen Bücher über die zwiespältige Erfahrung der Mutterschaft und das Scheitern ihrer Ehe heftige und sehr persönliche Kritik einstecken. Und geriet in eine tiefe Krise, einen "kreativen Tod", wie sie es nannte: Wie weiterschreiben, wenn man vom klassisch fiktionalen Erzählen nicht mehr überzeugt ist, mit litera-rischer Selbsterkundung aber in eine Sackgasse gerät?

Für Rachel Cusk bedeutete diese Krise auch, die literarischen Genres und vor allem die Form des Romans neu zu überdenken: Die sei, sagt die Schriftstellerin, noch immer in einer viktorianischen Idee des Geschichtenerzählens verwurzelt, die auf die Allwissenheit eines Erzählers und eine schlüssige Handlung setze. Cusk entkam ihrem Schreib-Dilemma mit einem literarischen Kunstgriff, der diese Romanform aushebelt und zugleich an einem autobiografischer Anker festhält: Sie erfand sich ein Alter Ego, die Schriftstellerin Faye, die wie sie Mutter zweier Kinder und gerade dabei ist, ihr Leben nach einer schmerzhaften Trennung neu zu ordnen.

Von Faye wird auf eine ungewohnte, indirekte Weise erzählt: Sie ist vor allem Empfängerin der Geschichten anderer. Sie hört zufälligen Reisebekanntschaften, Kollegen, Handwerkern und Fremdenführern zu, die von ihren Ehen und Scheidungen, ihren krebskranken Hunden oder ihrem logischen System für den besten Weg durch die Stadt berichten. So entsteht ein fragmentarisches Mosaik zeitgenössischer Existenz, aufgefangen im Blick einer Figur, die der Leser selbst kaum zu Gesicht bekommt. Es gibt viele lose Enden, aber keine große Richtung der Erzählung mehr, keinen eigentlichen Plot.

Anekdotische Lebensbeichten am Buffet

Die Autorin hat bereits zwei Bücher mit Faye als Hauptfigur vorgelegt, "Outline" (2014) und "In Transit" (2016). Im ersten Band schickte Cusk ihre Protagonistin zu einem Schreibseminar nach Athen, im zweiten hatte Faye es mit der Renovierung eines maroden Londoner Hauses für sich und ihre Söhne zu tun. Nun erscheint der Abschluss der Trilogie auf Deutsch, "Kudos". Das Handlungsgerüst ist hier noch weiter zurückgenommen als in den Vorgängerromanen: Faye fährt auf ein Literaturfestival, hat Pressetermine, nimmt an einem Kongress in Lissabon teil.

"Kudos" von Rachel Cusk (Suhrkamp Verlag)

Für Cusk bieten diese wenigen Plot-Elemente lauter Anlässe für Selbstoffenbarungen von Fremden und knappe Dialogversuche. Am Buffet, in der Hotelbar, bei einer Führung durch die Stadt, überall kommen Faye anekdotische Lebensbeichten unter. Und selbst bei Interviews kann es passieren, dass nicht sie spricht, sondern diejenigen reden, die ihr eigentlich Fragen stellen sollten. Ein Journalist, der für Faye aussieht wie ein "junger Heiliger in einem religiösen Gemälde" hat sich gar Gedanken um ihr persönliches Wohl gemacht: Wäre es für sie, die aus einem verregneten Land kommt, nicht schön, im Süden zu leben? "'Ich habe lange darüber nachgedacht', sagte er, 'und sehe keine Nachteile.'"

Solche leicht bizarren Situationen werden nicht psychologisch aufgelöst, es geht auch um die subtile Übergriffigkeit des Erzählens selbst. Der Roman zeigt mit großer Feinfühligkeit, wie Menschen ihre Seelenlage offenlegen, verweigert aber die Einordnung. Eine Art Leitthema vieler Gespräche sind die komplizierten Geschlechterverhältnisse der Gegenwart: Wenn die Freundin eines Paares am Küchentisch von den schmutzigen Details ihrer Scheidung berichtet, dann hören die beiden zu und trösten. Doch es gibt da noch eine andere, verborgene Regung: "Gleichzeitig verschaffte es uns eine große Befriedigung, sie so zu sehen, was wir einander aber niemals eingestanden hätten, weil diese Befriedigung zu unserem unausgesprochenen Geheimnis gehörte." Bei Rachel Cusk lauern Abgründe auch unter den fragilen Vereinbarungen des scheinbar Intakten.

Die existenzielle Beiläufigkeit des Erzählens

Der ruhige Prosafluss in "Kudos" trägt beides: das Festhalten des Einzelnen an einer bedeutungsvollen persönlichen Geschichte und den literarischen Grund-Zweifel an der Erzählbarkeit der Welt. Der Roman ist konsequent seriell gebaut: Auf eine Begegnung folgt die nächste, auch die Hierarchien von Nähe und Ferne verflüssigen sich: Ein Sitznachbar im Flugzeug breitet vor Faye ausführlich seine familiäre Lage aus, mit ihren Söhnen ist sie nur kurz per Handy in Kontakt. Und bei einem dieser Telefonate fällt das einzige Mal im Roman ihr Name. Eigentlich gibt es also gar keine Hauptfigur mehr, alles Existenzielle wird in kunstvoller Beiläufigkeit eher berührt als entfaltet.

Das entschieden Literarische daran ist, dass diese Botschaft zuerst in der Form selber liegt, nicht in dem, was erzählt wird. Mit dem Bekenntnisfuror und dem Alltagsheroismus von Karl Ove Knausgård hat all das freilich nicht mehr viel zu tun.

Und es ist, obwohl Rachel Cusk sich mit Faye eine Spiegelfigur ihrer selbst erschaffen hat, auch kein autobiografisches Schreiben im engeren Sinne mehr. Wenn es die Krise des Romans tatsächlich gibt, dann liegt sie nicht darin, dass er durch seine Fiktionalität zu wenig Dringlichkeit entfalten würde. Es könnte sogar umgekehrt sein: Vielleicht ist es eher die Konjunktur des Authentischen, die die Experimentierfreude des Romans einschränkt, mit dem man schließlich fast alles anstellen kann, wenn es nur gut gemacht ist. Den allwissenden Erzähler hat die klassische Moderne bereits wiederholt abgeschafft, Rachel Cusk experimentiert nun mit einer Art negativer Erzählinstanz. Das mag etwas technisch klingen, doch bei Cusk wird daraus ein elegantes und sehr stimmiges Prosawerk. Und gehasst wird sie ohnehin längst nicht mehr: In England ist Cusk beinahe schon so etwas wie Kult.

Eine Frage allerdings bleibt, für alle Fans vielleicht eine etwas bange Frage: Was wird Cusk als Nächstes schreiben? Die Faye-Trilogie, ihre kleine Serie zur Poetik des Seriellen, ist mit "Kudos" abgeschlossen. Und zur Logik dieser Poetik gehört es wohl auch, dass sie sich, anders als gröberes Schreibwerkzeug, nicht einfach immer wieder in die Hand nehmen lässt, ohne an Reiz zu verlieren. Man darf also gespannt sein.

Rachel Cusks Roman "Kudos" ist in der Übersetzung aus dem Englischen von Eva Bonné im Suhrkamp Verlag erschienen. Auch "Outline" und "In Transit" liegen bei Suhrkamp auf Deutsch vor.