Bayern 2

radioTexte am Donnerstag Hermynia Zur Mühlen: Unsere Töchter, die Nazinen

Frauen beim Reichsparteitag der NSDAP 1937 in Nürnberg | Bild: BR

Donnerstag, 18.07.2019
21:05 bis 22:00 Uhr

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BAYERN 2

Ein ungewöhnlicher Roman von 1934 berichtet aus Sicht dreier Frauen vom Aufstieg des Nationalsozialismus. In der klassischen Lesung ist Annette Paulmann zu hören mit dem Monolog einer opportunistischen Arztfrau.

Redaktion und Moderation: Judith Heitkamp

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"Die schmucken Uniformen der SA und SS verliehen allem eine wundervolle Feierlichkeit. Ich fühlte aufrichtige Liebe für diese tapferen Burschen, die jahrelang verfolgt und von den Feinden meuchlings überfallen und ermordet worden sind und die nun endlich als Sieger vor uns stehen. Ich musste auch an den Samstag vor einer Woche denken, an den Judenboykott. Wie die SA vor dem Warenhaus aufmarschierte. (Übrigens habe ich mir vor einer Woche doch noch dort ein neues Sommerkleid gekauft, die Preise waren dermaßen niedrig, dass es eine Sünde gewesen wäre, es nicht auszunützen ...)“

Die Arztfrau, die hier spricht und die so gern über die "drolligen“ Aktionen der SA schmunzelt, ist nur eine von drei Ich-Erzählerinnen in Hermynia zur Mühlens Roman "Unsere Töchter, die Nazinen“. Alle drei sind Mütter, alle drei haben Töchter, die in die NSDAP eintreten - wobei "Nazinen“ eine Wortschöpfung der Autorin war, die sich im allgemeinen Sprachgebrauch nicht durchsetzen konnte - die politischen Haltungen aber sind sehr verschieden. "Frau Dr. Feldhüter“, aus deren Monolog Annette Paulmann in dieser Ausgabe der radioTexte am Donnerstag vorträgt, steht für bürgerlichen Opportunismus und bigotte Gewissenlosigkeit. Die Gräfin Agnes dagegen hat die bösartige Ideologie des Nationalsozialismus durchschaut. Sie überwirft sich mit ihrer Tochter und engagiert sich im Widerstand. Und die Arbeiterin Kati, immer schon klassenbewusst und solidarisch, kann ihre Tochter Toni schließlich auf die Seite der Opposition zurückholen.