Bayern 2

radioTexte am Donnerstag Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Donnerstag, 08.11.2018
21:05 bis 22:00 Uhr

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BAYERN 2

Einst war er ein kommunistischer Held, jetzt wird Kommissar Rubaschow zum Opfer eines gnadenlosen Schauprozesses. Arthur Koestlers Buch war ein Kronzeugnis gegen den Stalinismus - im Original kennen wir es erst seit kurzer Zeit
Lesung mit Götz Schulte

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Arthur Koestler war nicht der einzige, der das stalinistische System selbst erlebt und kritisch darüber geschrieben hat. Aber sein Roman "Sonnenfinsternis" erzählte 1940 als erster, wie Stalin Kampfgefährten der Oktoberrevolution systematisch verhaften und ermorden ließ. Viele Linke hielten den geschilderten Terror für unglaublich und warfen dem Autor, der selbst der KP angehört hatte, Verrat vor. So wurde Arthur Koestler zu einem der prominentesten und berühmtesten Renegaten der sowjetischen Revolution und Ankläger des Stalinismus.
"Sonnenfinsternis" entstand im Exil und zum Teil auf der Flucht, und während der Ex-Kommunist Koestler deutsch schrieb, übersetzte seine Freundin fertige Partien sofort ins Englische. In dieser Sprache erschien das Buch dann auch. "Darkness at noon" stieß im ersten Jahr des Weltkriegs und angesichts des Hitler-Stalin-Paktes auf enormes Interesse. Das Original galt als in den Wirren des Exils verloren, deutsche Ausgaben basierten auf einer Rückübersetzung des englischen Textes. Erst vor zwei Jahren entdeckte ein Doktorand die deutsche Fassung unter einem anderen Titel in einer Zürcher Bibliothek - dieses Typoskript liegt der Neuausgabe im Elsinor-Verlag und den "radioTexten am Donnerstag" zugrunde.
Der Roman beschreibt die Inhaftierung und den Tod eines alten Bolschewisten, Rubaschow. Die Verbrechen, derer er angeklagt ist, hat er nicht begangen. Alle Personen der Handlung wissen, dass er sie nicht begangen hat. Und doch - wie das Drehbuch der Säuberungsprozesse es verlangt - bestreitet er zwar zunächst, gibt dann aber alles zu und wird zum Tode verurteilt. In der klassischen Lesung trägt der Schauspieler Götz Schulte (Residenztheater München) in der Regie von Irene Schuck einen Ausschnitt vom Anfang des Romans vor, der von Rubaschows Verhaftung und Inhaftierung erzählt.
George Orwell besprach "Sonnenfinsternis" geradezu hymnisch. Orwell war schon beeindruckt gewesen von Koestlers Berichten vom spanischen Bürgerkrieg und seinem Bericht aus Francos Gefängnissen. Die Abgeklärtheit, das Fehlen von Empörung und Anklage, das Mitgefühl und die Ironie von Koestlers Helden Rubaschow waren es, die Orwell beeindruckten: "Das Buch erreicht das Format der Tragödie, wo andere eine Polemik geschrieben hätten."

Redaktion und Moderation: Judith Heitkamp.