Bayern 2

radioTexte - Das offene Buch „Evangelio“: Feridun Zaimoglus Luther-Roman

Feridun Zaimoglu | Bild: picture-alliance/dpa

Sonntag, 09.04.2017
11:00 bis 11:30 Uhr

  • Als Podcast verfügbar

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In vielen Romanen brachte der deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu seine türkische Herkunft ins Spiel. Nun erzählt er, wie im „Wortrausch“ vom Reformator. Im Studio erzählt er von „Evangelio“, seinem „Luther-Roman“. Es lesen: Oliver Nägele und Wolfgang Pregler.

Feridun Zaimoglu, 1964 in Bolu geboren, kam 1965 als Kleinstkind mit seinen Eltern nach Deutschland. Aus dem türkischen Migranten wurde ein deutscher Dichter und Bildender Künstler in Kiel, der sich mit jedem seiner Bücher neu erfindet, an Schauplätzen von Anatolien bis zum Ruhrpott. Sein neuer Roman „Evangelio“ führt nun nach Thüringen, auf die Wartburg, in die Zeit vom 4. Mai 1521 bis 1. März 1522, als sich der Reformator dort, in Schutz und Haft des Kurfürsten von Sachsen, aufhielt und das Neue Testament übersetzte. Feridun Zaimoglu, der Sohn aus liberaler muslimischer Familie, der Erfinder der Kanak-Sprak 1995, der Übersetzer eines furiosen „Othello“ an den Münchner Kammerspielen, erweist sich als durchaus bibelfest. Schon mit zehn, elf Jahren geriet er bei der Bibel-Lektüre in einen „Wortrausch“, wie er sagt, fasziniert von den Geschichten und Bildern dieser anderen Welt. Zaimoglu weiß um die Legenden der Heiligen Schrift, er kennt eine Unzahl von Luther-Biographien und nimmt sich doch in „Evangelio“ alle Freiheiten. Sein Luther ist ein eruptiver Vulkan mit Satansvisionen, ein sprachgewaltiger Zweifler auf der Suche nach Erlösung, ein ungestümer, unruhiger Geist, den es immer wieder aus der Einsamkeit der Burg zu den Menschen treibt. Aufrecht in seiner Frömmigkeit, verblendet in seinem Blick auf Frauen, in seinem Hass auf Juden und aufständische Bauern. Bewacht, begleitet und kommentiert von einer erfundenen Figur: dem Landsknecht Burkhard, dem eigentlichen Erzähler des Romans, eine Stimme des Volkes, ein Anhänger des alten Glaubens. Virtuos und von Sprachfuror getrieben, schildert Zaimoglu diese zwei Männer und ihre Auseinandersetzungen in einer Zeit des Umbruchs, der Unsicherheit, der Heilsversprecher. Das Volk ist leicht verführbar, Armut ein drängendes Problem, der Tod allgegenwärtig, Aberglaube weit verbreitet, und die Pest wütet. Wolfgang Pregler, der Jago in Zaimoglus „Othello“ an den Münchner Kammerspielen, und Oliver Nägele vom Residenztheater lesen Auszüge aus „Evangelio“, Regie: Eva Demmelhuber. Studiogast: Feridun Zaimoglu. Moderation: Cornelia Zetzsche.