Bayern 2

Bayerisches Feuilleton Austragler, Greise und Senioren

Samstag, 19.03.2016
08:05 bis 09:00 Uhr

  • Als Podcast verfügbar

BAYERN 2

Austragler, Greise und Senioren
Das Älterwerden, das Alter und die Alten
Von Harald Grill
Als Podcast verfügbar
Wiederholung am Sonntag, 20.05 Uhr, Bayern 2

Ursprünglich war es die christliche Pflicht der Kirchen, Kommunen und zu allererst der Angehörigen, sich um die hilflosen Alten zu kümmern. Schon im Mittelalter errichteten die Klöster und Städte Siechenheime für die Ärmsten. Die Wohlhabenderen unter den Bauern zogen nach der Hofübergabe in ein Austragshäusel.

Die Anzahl der 100-Jährigen in Bayern wächst. Die Menschen werden älter, aber bleiben sie auch länger jung? Die Großeltern der Nachkriegszeit sahen mit 50 älter aus als heute viele Achtzigjährige. Andererseits, ob mit oder ohne Diridari: Früher hätten sie vielleicht ihre Demenz nicht mehr erlebt. Heute geht es vielen, wie dem Griechen Tithonos, dem der Götterchef Zeus das ewige Leben, nicht aber ewige Jugend verliehen hat: Er schrumpft zusammen bis er nur noch ein schleimiger Batzen ist, der sich mit zirpender Stimme über sein Leben beklagt. Die Geschichte vom Brandner Kaspar geht nicht gar so tragisch aus - er kommt am Ende doch noch in den Himmel und sagt: "I' bleib da und will nix mehr wissn vo der Welt drunt."

Für die wachsende Zielgruppe der Alten hat sich ein riesiger öffentlicher wie privatwirtschaftlicher Versorgungsapparat herausgebildet. Die Jungen haben keine Zeit mehr, sich um die betagten Angehörigen zu kümmern. Schließlich gibt es Essen auf Rädern, den Pflegedienst oder das Senioren-Domizil. So mancher sehnt sich zurück nach der Geborgenheit und Selbstbestimmtheit der Großfamilie. Ja, früher habe es noch so etwas wie "Ehrfurcht vor dem Alter" gegeben, heißt es. Fehlanzeige! Bereits 1857 stellte der oberpfälzische Volkskundler Franz Xaver Schoenwerth zornig fest: "Allmälig macht sich die Klage immer mehr geltend, wie die alten ElternAeltern im AustragAustrage von den undankbaren KindernKindern mißachtet werden … Mit Posaunen wird verkündet, was die Moral oder Menschenwürde dem Menschen zu thun und zu lassen auferlege. Es widert oft an, von der Humanität unserer Tage zu hören; Pharisäertum wäre ein rechter Name dafür."
Der Schriftsteller Harald Grill hat sich über das Altwerden in Bayern Gedanken gemacht.

Hörkino zum Frühstück statt Frühstücksfernsehen

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