Bayern 2

Hörspiel "Sehr, sehr unviktorianisch"

Virginia Woolf | Bild: picture-alliance/dpa

Montag, 08.07.2013
20:03 bis 21:00 Uhr

BAYERN 2

"Sehr, sehr unviktorianisch"
Virginia Woolf – Pionierin der literarischen Moderne
Von Mira Alexandra Schnoor
Realisation: Mira Alexandra Schnoor
BR 2013
Als Podcast verfügbar
Wiederholung vom Sonntag, 15.00 Uhr

Bereits mit ihrem ersten Roman "Die Fahrt hinaus" ("The Voyage Out", 1915) setzte sich Virginia Woolf über die literarischen Konventionen ihrer Zeit hinweg und veranlasste ihren Freund, den Schriftsteller Lytton Strachey, zu dem Ausruf: "Oh, es ist sehr, sehr unviktorianisch!"
Das könnte als Motto über dem Leben von Virginia Woolf stehen, aber nur als eines von vielen, denn ihr Werk als Schriftstellerin und Biographin, als Essayistin, Literaturkritikerin und Verlegerin war vielschichtig und facettenreich.
Virginia Woolf wurde 1882 als Tochter eines angesehenen Intellektuellen und einer viktorianischen Dame der gehobenen Mittelklasse geboren. Schulbildung für Mädchen lehnte ihre Mutter ebenso ab wie Studium, Beruf und Wahlrecht für Frauen. Sich von dieser viktorianischen Knebelung zu befreien, war eines der Ziele von Virginia Woolfs Schreiben. Sie begann ihre Laufbahn mit literarischen Rezensionen, dann folgten Prosawerke und zahlreiche Essays. Sie machte sich auf, den Roman zu revolutionieren, und die Gattung der Biographie gleich mit. Keine klar strukturierten Handlungsverläufe, keine deutliche Personencharakterisierung, keine allwissende Erzählstimme. Stattdessen tauchte sie ein in die Innenwelten ihrer Figuren, erzählte, fragmentarisch, von ganz normalen Ereignissen an ganz normalen Tagen. In wunderschön komponierter rhythmischer Sprache, in poetischen Bildern und Metaphern, mit Witz, Ironie und mit Wut auf den Militarismus und den Krieg, das patriarchale System und die Unterdrückung von Frauen. Zwischen 1922 und 1931, der produktivsten Zeit in ihrem Leben, veröffentlichte Woolf fünf experimentelle Werke: die Romane "Jacobs Zimmer" ("Jacob’s Room"), "Mrs.Dalloway" ("Mrs. Dalloway"), "Zum Leuchtturm" ("To the Lighthouse"), "Die Wellen" ("The Waves"), die fiktive Biographie "Orlando". Daneben zahlreiche Essays, darunter den wegweisenden "Ein Zimmer für sich allein"("A Room of One’s One"). Mit diesen Werken wurde sie zur angesehenen Schriftstellerin und zur bedeutendsten englischen Autorin der Moderne. Virginia Woolf erlebte in jungen Jahren den sexuellen Missbrauch durch ihre Halbbrüder und den Tod ihrer engsten Familienangehörigen. Zu diesen belastenden Erfahrungen kam der Ausbruch einer psychischen Krankheit, unter der sie ein Leben lang litt. Als sie 1941 befürchten musste, wahnsinnig zu werden, nahm sie sich am 28. März 1941 das Leben.

Mira Alexandra Schnoor, geboren in Manchester. BR-Sendungen u.a.: Porträts von Raoul Schrott, Herman Melville, Gertrude Stein, Essays zu Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", Thomas Manns "Doktor Faustus", Franz Kafkas "Der Process", James Joyce' "Dubliner".