Bayern 2

radioTexte - Das offene Buch Der Dichter Said: Eine Kindheit in Teheran

Dichter SAID | Bild: Cornelia Zetzsche

Sonntag, 15.05.2022
12:30 bis 13:00 Uhr

  • Als Podcast verfügbar

BAYERN 2

56 Jahre lebte Said in Deutschland. Nun erschien posthum "Ein vibrierendes Kind", seine poetischen Miniaturen über die Kindheit in Teheran. Erinnerungen des Dichters im Münchner Exil und eine Lesung mit Sibylle Canonica und dem Autor.
Moderation: Cornelia Zetzsche

"das kind geht an der mauer entlang - es will die stille nicht verletzen. im gegenzug verspricht die gasse, seine schritte nicht gleich zu verschlucken."

Das Kind genießt die Wärme "und vergisst die zwei säulen seiner kinderzeit: angst und worte." Hunde, Platanen, Krähen sind seine Freunde in Teheran; Perser, Juden, Armenier, Aserbaidschaner - seine Nachbarn. Der Vater ist Offizier, streng, aber gebildet, mit Blick nach Westen und meistens fort. Tanten und die Großmutter übernehmen die Erziehung. Das Kind liest viel, Camus etwa. Und immer wieder bricht die Politik der Schah-Zeit in das Privatleben der Familie ein: Wenn Kameraden des Vaters hingerichtet werden, wenn der Lehrer verschwindet oder ein Putsch die Stadt erschüttert. Der Westen ist wichtig, Deutschland immer ein Bezugspunkt: der deutsche Militär-Haarschnitt beim Friseur, die Goethe-Straße, benannt nach dem deutschen Klassiker, der mit dem persischen Dichter Hafis 500 Jahre nach dessen Lebenszeit in einen poetischen Dialog trat.

Die Erinnerungsbilder, die Said nach Jahrzehnten hervorholte, lesen sich fast wie Gedichte, sie sind melancholisch, atmosphärisch dicht und berührend. Als 17jähriger Student kam er 1965 aus dem Iran nach München, wurde aber nicht Ingenieur, wie der Vater es wollte, sondern Poet und Erzähler, Essayist und ein Homme de Lettres. Als Präsident des PEN, als politischer Kommentator, vor allem aber als Dichter schrieb Said mit am politischen Gedächtnis der Welt. Ein Chronist des Terrors im Iran der Mullahs; ein Porträtist seiner Mutter, die einst aus dem Haus des Vaters verbannt wurde, gleich nach Saids Geburt, und die er mit 43 Jahren das erste Mal sah; ein Flaneur im laizistischen Teheran von einst.

Der Chamisso-Preisträger und Exilant Said schrieb auf Deutsch. Er liebte Anekdoten, sprach gern über seine literarischen Hausgötter, über Rilke und Hölderlin etwa. "Die Sprache, die ich atme, ist Deutsch", sagte Said immer wieder, weil er in der deutschen Sprache Zuflucht gefunden hatte.

Am 15. Mai 2021, wenige Tage vor seinem 74. Geburtstag, starb Said in München, völlig überraschend. "Ein vibrierendes Kind", der neue Band posthum bei C.H. Beck, erinnert noch einmal an den Dichter, Erzähler und Essayisten, der vor langem schon für "radioTexte - Das offene Buch" aus dem damals noch unveröffentlichten Manuskript gelesen hatte. Zur Erinnerung ist Said noch einmal zu hören: im Gespräch mit Cornelia Zetzsche und bei der Lesung mit Sibylle Canonica vom Residenztheater München.

Lesung: Said und Sibylle Canonica
Im Gespräch: Said
Moderation und Redaktion: Cornelia Zetzsche

Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlags können wir die Sendung bis 14. November 2022 als kostenlosen Podcast anbieten.