Bayern 2

Hörspiel Virginia Woolf: Jacobs Zimmer 1-2

Virginia Woolf | Bild: National Portrait Gallery, London

Samstag, 01.12.2012
15:05 bis 17:00 Uhr

BAYERN 2

Jacobs Zimmer (1-2)
Von Virginia Woolf
Aus dem Englischen von Gaby Hartel
Erzähler - Friedhelm Ptok
Erzählerin 1 - Britta Hammelstein
Erzählerin 2 - Wiebke Puls
Kommentatorin - Sylvana Krappatsch
Mrs. Flanders - Annette Paulmann
Jacob / Kind - Benedikt Lückenhaus
Jacob / junger Mann - Johannes Zirner
Archer - Alexander Lückenhaus
Timmy Durrant - Dominik Kaschke
Mrs. Durrant - Michaela Steiger
Clara Durrant - Julia Loibl
Frauenstimme 1- Andrea Wenzl
Rebecca - Andrea Wenzl
Frauenstimme 2 - Caroline Ebner
Mrs. Jarvis - Caroline Ebner
Mrs. Plumer - Caroline Ebner
Frauenstimme 3 - Sabine Kastius
Mrs. Norman - Sabine Kastius
Mrs. Barfoot - Sabine Kastius
Männerstimme 1 - Oliver Losehand
Mr. Steele - Oliver Losehand
Bonamy - Oliver Losehand
Männerstimme 2 - Stefan Merki
Mr. Plumer - Stefan Merki
Männerstimme 3 - Hans Kremer
Captain Barfoot - Hans Kremer
Bearbeitung: Gaby Hartel
Komposition: Jakob Diehl
Regie: Katja Langenbach
BR 2012
Ursendung
Als Podcast verfügbar

Eine Schriftstellerin um die Vierzig im Prozess, ihren scharfen Blick auf die Welt, deren Politik und innere Mechanik in erfahrungsnaher Literatur darzustellen. Eine untergehende Gesellschaftsform im England der (Vor-)Kriegszeit und ein junger Mann, der im Ersten Weltkrieg stirbt, noch bevor er seine Persönlichkeit voll entfalten konnte. Virginia Woolf, ihr Gegenstand und der Wunsch nach einem neuen, unmittelbaren Ausdruck: Das sind die äußeren Koordinaten des Romans "Jacobs Zimmer", der 1922 erschien und ein wenig bekanntes Meisterwerk der Moderne ist.
Aus der inneren Logik des Romans entsteht eine faszinierende literarische Erfahrung, eine multisensorische Folge von atmosphärischen Ausschnitten, kurzen Einblicken, vielstimmigen Einschätzungen, die lose chronologisch aneinandergereiht sind. Wir begegnen Jacob als Kleinkind am Strand, erhaschen Eindrücke aus seiner Schulzeit, seinem Studentenleben in Cambridge, sehen ihn durchs nächtliche London zu einer Geliebten gehen oder nach Griechenland reisen. Das Unerhörte daran: Jacob selbst spricht nie und genau das war Virginia Woolfs Schlag gegen die viktorianische Erzählkonvention, in der sie sozialisiert wurde, und deren autoritäre Vorgaben sie zeitlebens angriff. Ihre gelungene Romanerfindung arbeitet erstmals mit einer Art fotografischer Schnitttechnik und zeigt, dass Jacob durchaus "da" ist: heraufbeschworen, nicht aus der Aufzählung von charakterbestimmenden Fakten und gedrechselten Sätzen eines allwissenden Erzählers, sondern auf geisterhafte Weise in Facetten gespiegelt: in den Blicken, Gedanken- und Gesprächsfetzen seiner Umgebung. Es ist, als blättere man mit angehaltenem Atem durch das Fotoalbum eines Fremden.
So stehen wir heutzutage im Leben, meinte Woolf, so erfahren wir die Welt: Wir gleiten durch eine Abfolge von symbolischen Räumen, durch sprechende Atmosphären, angerissene Szenen und Gesprächsfetzen, und wenn wir sie lesen lernen, verstehen wir vielleicht ein bisschen besser, wer wir sind.
Virginia Woolf ist bekannt für ihre schonungslose Selbstkritik, doch mit "Jacobs Zimmer", das die Reihe ihrer berühmten Romanexperimente einleitete, war sie durchaus zufrieden: "Ich habe keinen Zweifel mehr, dass ich (mit 40!) herausgefunden habe, wie ich die Dinge in meiner eigenen Stimme ausdrücken kann", notierte sie beim Erscheinen des Romans in ihr Tagebuch.