Bayern 2

radioWissen Ein Lob der Diskretion und des Abstands

Frau streckt abwehrende ihre Handfläche in Richtung Kamera | Bild: picture-alliance/dpa

Mittwoch, 16.09.2020
09:05 bis 10:00 Uhr

  • Als Podcast verfügbar

BAYERN 2

Diskretion
Respekt vor dem Privaten

Distanz
Vom nötigen Abstand

Das Kalenderblatt
16.9.1856
Kairo-Alexandria: Erste Eisenbahnlinie in Afrika eingeweiht
Von Xaver Frühbeis
Als Podcast und in der Bayern 2 App verfügbar

Diskretion - Respekt vor dem Privaten
Autorin: Beate Meierfrankenfeld / Regie: Eva Demmelhuber
Diskretion - das klingt nach einer altmodischen Tugend, genau wie die Übersetzungen des Begriffs als "Verschwiegenheit", "Stillschweigen" oder "Taktgefühl". Doch Diskretion ist keine bloße Frage individuellen Anstands, sondern eine komplexe soziale Übung. Keine Freundschaft ohne sie, keine offene Gesellschaft mit ihren anonymen Alltagsbegegnungen, für die nicht nur in der Bank oder der Apotheke ein "Diskretionsabstand" einzuhalten ist. Gefühl, Krankheit, Körper, Geld: Die Diskretion zieht eine Grenze um das, was wir als besonders persönlich empfinden. Sie kann das als klare Abmachung tun, sehr viel häufiger aber folgt sie ungeschriebenen Gesetzen des Zusammenlebens. Sich in einer Kultur bewegen zu können, heißt auch, ihre Diskretionsregeln zu kennen, die das Private erst definieren. Gerade im digitalen Zeitalter, in dem sich Intimstes mit einem Klick öffentlich machen lässt, ist der Respekt vor dieser Grenze ein hohes Gut. Überholt ist die Tugend der Diskretion also keineswegs.

Distanz - vom nötigen Abstand
Autorin: Veronika Wawatschek / Regie: Martin Trauner
Es klingt so verlockend! Die grenzenlose Freiheit: Niemand der mir vorschreibt, was ich zu tun und lassen habe, keine Regeln, keine Verpflichtungen, keine Tabus - ein Leben, in dem niemand diktiert, in dem es nur nach Wunsch und Willen geht, ein Leben ganz nach meinen Bedürfnissen. Ein Schlaraffenland, das allerdings unbegrenzte Ressourcen und ein bedürfnisloses Gegenüber voraussetzt, so die Schweizer Philosophin Annemarie Pieper. Sie ist der Meinung: "Vermutlich würde die Erde nicht einmal zwei Menschen verkraften, die schrankenlos frei sind, ohne sich gegenseitig ins Gehege zu kommen." Denn besagt nicht schon die Goldene Regel: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! Würde diesem Gedanken folgend jeder seine Bedürfnisse ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse oder Grenzen der anderen durchsetzen, würde das die Welt ins Chaos stürzen. Denn so viel ist klar: Grenzen können auch Persönliches schützen. Abstand kann die Privatsphäre wahren. Wo aber sind Grenzen? Wer definiert sie? Wer gibt sie vor? Und wann ist es vielleicht auch notwendig, sie zu hinterfragen oder überschreiten? Wann wird die Distanz zu groß? Der Versuch einer philosophischen Grenzziehung - entlang individueller Bedürfnisse und Wünsche.

Moderation: Gabi Gerlach
Redaktion: Bernhard Kastner

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