Bayern 2

Hörspiel "Der jüdische Gerichtsvollzieher" von Lichtenstaedter/Oehmann

Mann an Klingeschild | Bild: picture alliance

Samstag, 23.05.2020
15:05 bis 16:31 Uhr

BAYERN 2

Siegfried Lichtenstaedter und seine Satire "Der jüdische Gerichtsvollzieher"
Das Hörspiel "Der jüdische Gerichtsvollzieher" zeigt auf satirische Weise, wie sehr der Antisemitismus bereits 1926 Politik und Leben in Bayern beeinflusste. Über Werk und Leben des jüdischen Finanzbeamten Siegfried Lichtenstaedter, seine prophetischen Schriften und Parallelen zwischen den 1920er und 2020er Jahren spricht Katja Huber mit dem Publizisten Götz Aly und dem Regisseur Richard Oehmann.
BR 2020
Als Podcast verfügbar im Hörspiel Pool

Anschließend:
Der jüdische Gerichtsvollzieher
Von Siegfried Lichtenstaedter und Richard Oehmann
Regie: Richard Oehmann
Komposition: Maria Hafner
BR 2020
Ursendung
Als Podcast verfügbar im Hörspiel Pool

"Darf ein Jude Gerichtsvollzieher werden?" so fragt sich ganz Anthropopolis, eine beschauliche Großstadt im Großherzogtum Anthropopolitanien. Vom offenbar fahrlässig handelnden Justizminister hat tatsächlich ein Jude diesen Beamtenposten zugeschanzt bekommen. Da es aber nur einen einzigen solchen Posten im ganzen Land gibt, ist vor allem die völkische Presse besorgt, denn das Judentum besetzt ja nunmehr tatsächlich 100 Prozent der Gerichtsvollzieherei. Ist dies die erste Etappe zur Weltherrschaft? Sein Wirken bringt dem neuen Gerichtsvollzieher schon bald vier Ermahnungen ein: Zwei, weil er beim Vollstrecken zu brutal, und zwei, weil er dabei viel zu nachlässig war. Die wackeren christlichen Anthropopolitanier sind jedenfalls entschlossen, dem Judentum den Posten schnell wieder zu entreißen, zur Not auch mit der Zusatzfrage: "Darf ein Junggeselle Gerichtsvollzieher sein?"
Ein bairisch-anthropopolitanisches Hörspiel, eine behagliche Antisemitismus-Satire nach einer Kurzgeschichte aus dem Jahre 1926 von Siegfried Lichtenstaedter. Der Historiker Götz Aly hat 2019 eine Sammlung von Lichtenstaedters Texten neu herausgegeben und mit "Prophet der Vernichtung" betitelt: um auf dessen erstaunlich weitsichtiges, reichhaltiges und mitunter auch komisches Werk aufmerksam zu machen, darunter auch die kurze Satire "Der jüdische Gerichtsvollzieher". Lichtenstaedter parodiert darin die Hetze des völkischen Beobachters und anderer Medien und verhöhnt zudem die Faktenverweigerung des angeblich so gesunden Menschenverstandes der christlichen Mehrheit. Überraschend ist die Leichtigkeit und Spottlust mit der Lichtenstaedter, nur ein paar Jahre vor der Machtergreifung, das Nazidenken veralbert und ganz nebenbei bereits die Parallele von Antisemitismus zu Anti-Islamismus markiert hat.

Siegfried Lichtenstaedter, (1865-1942), geboren im fränkischen Baiersdorf in Erlangen, Studium der Orientalistik und Jurisprudenz, Oberregierungsrat in der bayerischen Finanzverwaltung in München, Autor zahlreicher politischer Analysen und Satiren. 1942 Deportation ins Ghetto Theresienstadt.