Bayern 2

hör!spiel!art.mix "Sprache, mein Stern. Hölderlin hören." von Ruth Johanna Benrath

Robert Stadlober bei Aufnahmen zu "Sprache, mein Stern. Hölderlin hören. | Bild: Ulrike Haage

Freitag, 20.03.2020
21:05 bis 22:30 Uhr

BAYERN 2

Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin
Sprache, mein Stern. Hölderlin hören.
Ein Hörspiel von Ruth Johanna Benrath und Ulrike Haage
Mit Robert Stadlober, Veronika Bachfischer, Gerd Wameling
Sopran: Christina Andersson
Komposition und Regie: Ulrike Haage
RBB/BR/DLF 2020
Ursendung
Als Podcast verfügbar im Hörspiel Pool

Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin. Die späten Gedichte Hölderlins galten lange als zu vernachlässigende Erzeugnisse eines geistig Umnachteten. Mochte er einst ein großer Dichter gewesen sein, nun war er dem Wahnsinn erlegen. Man konnte ihn besuchen in seinem Tübinger Turmzimmer. Dann würde er wohl sein Klavierspiel unterbrechen und auf Bestellung ein Gedicht schreiben - "Der Mensch" oder "Das fröhliche Leben" oder ein Jahreszeitengedicht - je nach Wunsch. Gezeichnet "mit Untertänigkeit Scardanelli".
Über Hölderlins Erkrankung und die Umstände ihres Ausbrechens ist viel spekuliert worden. War ihm etwas zugestoßen auf der Reise von Bordeaux heim nach Nürtingen, die er zu Fuß unternommen hatte? War es die Nachricht vom Tod seiner Geliebten Susette Gontard, seiner Diotima? War es das Scheitern auf allen Gebieten, die mangelnde Anerkennung durch die dichterischen Großgestirne Goethe und Schiller, das Fristen seines Daseins als Hauslehrer oder die sich nicht erfüllende Hoffnung auf die Französische Revolution? Verbürgt ist, dass Hölderlin bis zur Unkenntlichkeit verwahrlost und verwirrt zu Hause eintraf. Verbürgt ist auch, dass die Mutter ihn in die berühmt-berüchtigte Autenrieth’sche Klinik brachte, wo er sich über sieben Monate einer Behandlung mit einer Ledermaske unterziehen musste. Verbürgt ist schließlich, dass Hölderlin von da an nicht mehr schrieb wie bisher. Vorbei die Oden und Elegien, die Hexameter und freien Rhythmen. "April und Mai und Julius sind ferne./ Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne." Doch Hölderlin schrieb. Er schrieb Gedichte. Man mag ihnen ihr stetig fließendes Versmaß vorwerfen, ihre Garantie auf den Reim, ihren beschränkten Wortschatz. Doch wenn man ihnen nachlauscht, ihrer Klarheit und Einfachheit, dann ahnt man, dass etwas unter der Oberfläche schlummert. Die Ideen von einst? Ein tieferes Wissen? Wie schreiben - wie unter allen Umständen schreiben, auch nach den erschütterndsten Erfahrungen, den schwersten Krisen? Das ist die Frage, der dieses Hörspiel nachspürt. Gemeinsam mit der Musik verwebt die Regie die Texte von Friedrich Hölderlin und Ruth Johanna Benrath zu einem inneren Dialog und verbindet das Damals mit einem heutigen Klang. Wo die Worte nicht mehr auffindbar sind, werden sie zu Musik.

Ruth Johanna Benrath, geb. 1966 in Heidelberg, ist Prosa-, Lyrik-, Theater- und Hörspielautorin. Auszeichnungen: 2011 Frau Ava-Preis  und 2019 Schwäbischer Literaturpreis. Weitere Hörspiele: Mich mir merken (SWR 2015), Der korallene Wald (WDR 2017), Aus der Tiefe (RBB 2018), Geh dicht dichtig! Ein lautpoetischer Dialog mit Elfriede Gerstl (ORF/BR 2019, Hörspiel des Jahres), “Wir gehen, wir gehen - ein Leben lang” Eine Begegnung mit Hans Jürgen von der Wense (DLF Kultur/HR 2019).