Bayern 2

radioTexte am Dienstag Michela Murgia und Gavino Ledda: Sardische Notizen

Sardinien | Bild: picture-alliance/dpa

Dienstag, 28.08.2018
21:05 bis 22:00 Uhr

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BAYERN 2

Einsame Strände, edle Banditen, leise Schriftsteller, neureiche Medienzaren, lärmende Touristen: Nirgends treffen das alte, archaische und das moderne, globalisierte Italien so unvermittelt aufeinander wie in Sardinien

"In Sardinien ist das Schweigen noch immer der am häufigsten gesprochene Dialekt. Die Worte sind Orte und enthalten doch die ganze Welt", sagt die sardische Schriftstellerin Michela Murgia. Nach einigen Jahren in Mailand lebt die 1972 in Cabras (Oristano) geborene Autorin wieder auf Sardinien, weit entfernt vom "Kontinent", wie die Insulaner das Festland bezeichnen. Geographisch mag diese Bezeichnung für Italien zwar stimmen. Der wahre "Kontinent" ist aber Sardinen. Obwohl viele Klischees das gegenwärtige Bild der größten Insel im westlichen Mittelmeer bestimmen: Einsame Schäfer, edle Banditen, wortkarge Familien im Landesinneren, Luxusyachten, wilde Partys von Medienzaren und russischen Parvenüs mit halbseidener Gefolgschaft. Dennoch versuchen viele Insulaner, ihre Identität zu bewahren, ihre Traditionen zu pflegen - kurzum: Jeder Form von Korruption und negativer Kontamination auszuweichen. Der große sardische Philosoph und Kulturtheoretiker Antonio Gramsci, der als politischer Häftling mehrere Jahre in einem Gefängnis in Süditalien verbrachte, pflegte zu sagen: "Wenn Sardinien eine Insel ist, so ist jeder Sarde eine Insel auf der Insel". Auf unserer Erkundungsreise begegnen wir atemberaubenden Naturkulissen, archaischen, mythischen Landschaften, Zeugnissen moderner Hybris und immer wieder Menschen, deren Schicksale von Michela Murgia und Gavino Ledda, den begabtesten sardischen Schriftstellern, erzählt werden und uns in ihren Bann ziehen.