Bayern 2

radioTexte am Dienstag Joachim Sartorius: Die Prinzeninseln

Schriftsteller und Leiter der Berliner Festspiele Joachim Sartorius (2011) | Bild: picture-alliance/dpa/Eventpress

Dienstag, 21.08.2018
21:05 bis 22:00 Uhr

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BAYERN 2

"Neapel hat Capri und Ischia; Konstantinopel hat die Prinzeninseln", schrieb Gustave Schlumberger in seinem Buch " Les Iles des Princes". Istanbul vorgelagert, entlang der asiatischen Küste des Marmara-Meers befinden sich die Prinzeninseln: Ein Archipel von atemberaubender Schönheit und ungewöhnlicher Naturpracht.

"Und wie Capri nicht berühmt wurde durch ihre herrlichen Naturszenarien, sondern durch die Untaten des Tiberius, so haben die tragischen Geschichten der Kaiser und Kaiserinnen, die in den Klöstern von Antigoni und Prinkipo eingekerkert wurden, diese strahlenden Inseln zu Orten des Leidens werden lassen", notierte der französische Autor Schlumberger in seinem 1884 erschienenen Buch " Les Iles des Princes". Heute sind die Prinzeninseln so etwas wie "ein Vorort von Istanbul, aber ganz anders". Wo früher Griechen, Römer, Seldschuken, Türken, Armenier, Deutsche und Russen freidlich miteinander lebten - Leo Tolstoi verbrachte hier einige Jahre seines Exils - flanieren heute Tagestouristen aus der Millionenmetropole Istanbuls, die sich nach Ruhe und Erholung sehnen. Von seinem aristokratisch anmutenden Splendid Hotel auf Büyük Ada, der größten Insel des Archipels, unternimmt der Lyriker Joachim Sartorius lange Spaziergänge in der sanft-melancholischen Landschaft, deren Stille nur durch die Schreie der Esel und das dumpfe Geräusch der fayton, wie die Droschken genannt werden, unterbrochen wird. Warum die für eine südländische Insel ungewöhnliche Lautlosigkeit? Atatürk, der Gründer der türkischen Nationalstaats habe 1928 das Autofahren verboten, weil er von den Inseln und ihrer Stille so begeistert war, erfährt Sartorius von seinem Freund und Führer Selcuk. Der Duft der Pinienwälder, das besondere Licht, die sagenumwobenen Legenden der Heiligen, die Geschichten der hier einst friedlich miteinander lebenden Griechen, Türken und Juden inspirieren den Dichter und politischen Beobachter Sartorius, der seine Erlebnisse in dieser einzigartigen Kulturlandschaft im Schatten von Istanbul-Konstantinopel-Byzanz in einem poetischen Inseltagebuch festgehalten hat.