Bayern 2

hör!spiel!art.mix Gerhild Steinbuch: Final Girls oder Wenn das Schweigen …

Frau mit Axt | Bild: Annie Spratt

Freitag, 22.06.2018
21:05 bis 22:30 Uhr

BAYERN 2

Final Girls oder Wenn das Schweigen was zu sagen hätte, würd' mich interessieren, was es mir zu sagen hätte
Von Gerhild Steinbuch
Mit Naomi Achternbusch, Katja Bürkle, Caroline Ebner, Julia Riedler und Sylvana Seddig
Komposition: Tojukae
Regie: Henri Hüster
BR 2018
Ursendung
Als Podcast verfügbar im Hörspiel Pool

Frauen, Männer und Kettensägen
Christine Grimm im Gespräch mit Gerhild Steinbuch (Autorin) und Henri Hüster (Regisseur)
BR 2018
Als Podcast verfügbar in der artmix.galerie

Als "final girl" wird im Slasher-Film jene Frau bezeichnet, die dem Täter immer wieder entkommt - um ihn dann schließlich zur Strecke zu bringen. Was sie allerdings definiert, ist weniger ihre Stärke als ihr Nicht-Frau-Sein: Das final girl ist jungfräulich, unschuldig, unberührt oder zumindest asexuell; es wirkt androgyn und trägt Namen, die auch gut als Männernamen durchgehen könnten. Das final girl ist also weniger als emanzipierte Frauenfigur konzipiert, sondern als Projektionsfläche für den "male gaze", den konservativ-männlichen Zuschauer, der sich daran ausleben bzw. darin einleben darf, denn die Möglichkeit der Identifikation mit dem final girl ermöglicht ihm das Hineinversetzen in Opfer und männlichen Täter gleichermaßen.

Er kann also als Täter Opfer sein, ohne sich schuldig zu fühlen. Eine Geschichte, die, obwohl sie brutal ist, nicht weh tut, weil die Körper, auf denen sie sich gründet, nicht mehr gespürt werden müssen. Weil sie nicht gehört werden müssen. Weil der Täter nicht nur anstelle der Opfer sprechen kann, sondern weil er als Opfer sprechen kann. Das war ja einfach. Denn über Opfer will hier ohnehin ja niemand sprechen, die will niemand sprechen lassen.

Aus dem Raum hinter der Geschichte beobachten vier final girls ein Land im Rechtsdrall. Täter gerieren sich als Opfer: Lügenpresse, Überfremdung, großer Austausch. Sie lauern nicht mehr länger im Schatten wie die Slasher in den Filmen der 70er, 80er und 90er Jahre, sondern drängen selbstverliebt lächelnd ins Licht, machen die Welt zu ihrer Bühne und überschreiben Geschichte mit ihrer Geschichte, in der nur Platz hat, wer wie sie ist. Und die wie sie sind, werden immer mehr. Als politische Vorzeigefigur schreitet ihnen der Kleine Prinz voran, der - im Gegensatz zu seinem Namensvetter - nur mit den Augen gut
sieht. Die Haare ordentlich nach hinten gekämmt und schwiegermutterfreundlich lächelnd wirkt er auf den ersten Blick so demokratieverträglich, dass nicht auffällt, was sich in seinem Schatten an ewig gestrigem Gedankengut drängt, was da heraufgezogen kommt.

Menschen ertrinken oder werden angezündet, Grenzen dicht gemacht, Tradition und Heimat hochgehalten, Männerbünde gefeiert. Und wenn doch einmal eine Frau herangebeten wird, wenn sie auftreten darf, dann als hübsches Beiwerk, das sich gut macht neben der Hauptfigur im Rampenlicht. Denn der postmoderne Slasher mordet nicht mehr blutig. Er tötet jeden Widerstand durch aufgezwungene Eingemeindung in ein Wir, unter dem das Aufbegehren verloren geht. Was aber, wenn das final girl sich irgendwann als Projektionsfläche begreift? Wenn es eine andere Filmrolle einlegt, eine Geschichte, in der die finals girls endlich eine andere Rolle spielen? Was passiert, wenn die final girls zurückschlagen?

Gerhild Steinbuch, geb. 1983 in Mödling, österreichische Autorin. Sie studierte Szenisches Schreiben in Graz und Dramaturgie an der HfS Ernst Busch, Berlin. Sie ist Gründungsmitglied von "Nazis & Goldmund", einer Autor*innenallianz gegen die Europäische Rechte. Werke u.a. "MS Pocahontas" (Schauspiel Frankfurt, 2015), "Marta" (Opera de Lille, 2016).