Bayern 2

radioTexte am Dienstag Maurice Maeterlinck: Das Leben der Bienen

Honigbienen auf Waben | Bild: picture-alliance/dpa

Dienstag, 12.06.2018
21:05 bis 22:00 Uhr

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Für seine großartigen Frühdramen wurde der Nobelpreisträger Maurice Maeterlinck der "belgische Shakespeare" genannt. Maeterlinck war auch ein brillanter Beobachter und Essayist. Eine eigene Gruppe bilden seine naturwissenschaftlichen Werke. Blumen, Ameisen und Bienen gehören zu den Lebewesen, deren Schönheit er mit wissenschaftlicher Genauigkeit beobachtete und poetisch beschrieb. Dem harten Termitenstaat setzte er die Intelligenz der Blumen und die magisch-mysteriöse Welt der Bienen entgegen.

Die literarische Karriere des am 29.08.1862 in Gent geborenen Grafen Maurice Polydore Marie Bernard Maeterlinck begann in Paris, wo er mit den wichtigsten Vertretern des Symbolismus in Berührung kam. Den viel beachteten Gedichten ("Serres chaudes", "Douze Chansons") folgten zahlreiche Dramen ("Prinzessin Maleine", "Der blaue Vogel"). Sein melancholisches Stück "Pélleas und Mélisande" diente Claude Debussy als Vorlage für das gleichnamige lyrische Drama. Unter den zahlreichen Bewunderern dieser Oper befand sich Marcel Proust, der das von Debussy musikalisch angewandte Stilprinzip der "mémoire involontaire", des spontanen und individuellen Erinnerns, zum literarischen Mittel erhob. Maeterlinck war nicht nur Dichter und Dramatiker, sondern auch Denker und Essayist. Eine eigene Gruppe bilden seine naturwissenschaftlichen Werke. Blumen, Ameisen und Bienen gehören zu den Lebewesen, deren Schönheit und Schonungslosigkeit er mit wissenschaftlicher Genauigkeit beobachtete und poetisch beschrieb. Dem harten Termitenstaat setzte er die Intelligenz der Blumen und die magisch-mysteriöse Welt der Bienen entgegen. Wenn im Mai die Schwärmzeit der Bienen beginnt, sehen wir gebannt zu, wie sie von Blume zu Blumen hasten, ihre Königinnen für Nachkommenschaft sorgen, die Arbeiterinnen auf ihre Jungfräulichkeit achten, und wie die Drohnen im Liebeskampf zum Sterben bereit sind. Wer die Existenz der Bienen auf ein rein instinktives Selbsterhaltungs- und Reproduktionsmodell reduziert, unterliegt einem gewaltigen Irrtum. Je tiefer unser Auge eindringt, so Maeterlinck, desto mehr erkennt es die "erstaunliche Kompliziertheit der einfachsten Erscheinungen, das Wunder des Verstandes und des Willens, die Bestimmungen der Ziele, der Ursachen und Wirkungen, die unbegreifliche Organisation der Liebesakte". Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Arbeit, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht, glaubte der Dichter im Bienenstaat mit seiner "selbstlosen und unbegreifliche Zusammenarbeit" eine Antwort zu finden.

Für sein literarisches Schaffen wurde Maurice Maeterlinck 1911 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Es liest Gert Heidenreich.