Bayern 2

hör!spiel!art.mix Velimir Chlebnikov: Das Radio der Zukunft

Radioapparat | Bild: picture-alliance/dpa

Freitag, 20.04.2018
21:05 bis 22:30 Uhr

BAYERN 2

Das Radio der Zukunft
Von Velimir Chlebnikov
Aus dem Russischen von Martin Zeyn
Mit Valeri Scherstjanoi und Holger Czukay
Bearbeitung: Ernst Horn/Martin Zeyn/Bernhard Jugel
Komposition: Ernst Horn
Realisation: Martin Zeyn/Bernhard Jugel
BR 1995

Die Medienkunst der russischen Avantgarde
Von Ania Mauruschat
Mit Boris Belge, Andrea Hacker, Sylvia Sasse und Siegfried Zielinski
Realisation: Ania Mauruschat
BR 2018

1921 entwirft Chlebnikov - Futurist, Utopist, Schwarmgeist, Wortzertrümmerer und Wortschöpfer - einen Essay über die Zukunft des Radios. Alles konnte damals noch vom Radio gewollt, erwünscht und erträumt werden, als dieses am Tag kaum eine Stunde krächzend und rauschend sendete. Alle Naturgewalten werden von Chlebnikov herangezogen, um den Eindruck des Mediums zu schildern: Unermesslich, gewaltig, ungeheuer kostbar erscheint das Radio. Da ist die Nützlichkeit des Radios für die Volksaufklärung, die Chlebnikov zu einem Pfingstereignis verklärt. Fernheilung und unerhörte Arbeitssteigerungen. Das Radio sollte überall zur selben Zeit hörbar sein und das Ende der babylonischen Sprachverwirrung bedeuten. Wo es spricht, könnten die Menschen den winterlichen Geruch von Linden gemischt mit Schnee riechen.

Das Radio der Zukunft fängt den Sound des frühen Radios ein und ist ein utopisches Fragment, das Nachricht gibt, wohin sich das Radio hätte entwickeln können. Die Musik des Komponisten Ernst Horn basiert auf einer 15-minütigen Aufnahme, die beim Drehen an der Kurzwellenskala entstand und mit Computer und Sampler digital bearbeitet wurde.

Velimir Chlebnikov, eigentlich Viktor Wladimirovic Chlebnikov (1885−1922). Dichter des russischen Futurismus. Werke u.a. "Bobeobi" (1908/09), "Kolokol Uma" (1913) "Zangezi" (1922), "Das Radio der Zukunft" (1927 erstmals veröffentlicht).


Die Medienkunst der russischen Avantgarde
Von Ania Mauruschat
Hunderte Fabriksirenen, Dampflokomotiven und Nebelhörner: Arsenij Avraamovs Symphonie der Sirenen war das lautstärkste Experiment, mit dem die russische Avantgarde die Oktoberrevolution von 1917 in die Kunst trug - aber sie war bei weitem nicht das einzige. Ob die Zaum-Sprache (1908/09) des Dichters Velimir Chlebnikov und seine Vision eines Radios der Zukunft (1921), ob die futuristische Oper Sieg über die Sonne (1913) von Michail Matjuschin, Alexej Kurtschonych und Kasimir Malewitsch oder Dziga Vertovs Forschungen zu "Radio-Ohr" und "Kamera-Auge": Experimente mit den neuesten Medien waren Programm.

All diese Versuche, nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Künste zu befreien, fanden jedoch ein jähes Ende, als die stalinistische Doktrin des sozialistischen Realismus ausgerufen wurde. Die Parteifunktionäre verdammten, was sie nicht verstanden, als "dekadente bourgeoise Kunst" und beschimpften die Avantgardisten als "Formalisten". Rund 100 Jahre später ist die Sowjetunion Geschichte. Die Medienkunst der russischen Avantgarde hingegen lebt fort - um immer wieder neu entdeckt zu werden.

Ania Mauruschat, geb. 1976, Autorin und Medienwissenschaftlerin. Zahlreiche Hörfunkproduktionen u.a. "Bis in die Materie selbst hinein ist das WORT handelnd. Valère Novarina im Portrait" (BR 2011), "Von Aliens, UFOs und Erdlingen. Zur Kulturgeschichte der Außerirdischen" (SRF 2015).