Bayern 2

Hörspiel Alexander Kluge: "30. April 1945: Der Tag ..." (1/2)

Hans im Glück Zeichnung | Bild: picture-alliance/dpa

Sonntag, 01.04.2018
21:05 bis 22:00 Uhr

BAYERN 2

30. April 1945: Der Tag, an dem sich Hitler erschoss und die Westbindung der Deutschen begann (1/2)
Von Alexander Kluge
Mit Dr. Mark Benecke, Eva Jantschitsch, Helge Schneider, Jochen Striebeck, Gabriel Raab, Pascal Fligg, Helmut Stange und anderen
Komposition: Wrekmeister Harmonies/ Den Sorte Skole
Bearbeitung und Regie: Karl Bruckmaier
BR 2015
Teil 1 als Podcast im Hörspiel Pool
Teil 2 als Podcast im Hörspiel Pool


Teil 2 auf Bayern 2: Ostermontag, 2. April 2018, 21.05 Uhr

"Niemand hat einen Überblick über das Ganze", lässt der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge einen seiner Protagonisten gleich zu Beginn seines 2014 erschienen Bandes "30. April 1945 - Der Tag, an dem Hitler sich erschoss und die Westbindung der Deutschen begann" feststellen. Anschließend schenkt der Autor uns (unterstützt von seinem Schriftstellerkollegen Reinhard Jirgl) ebendiesen Überblick über den historischen Wendepunkt, den dieses Datum markiert, auf gut dreihundert Seiten. Kluge tut dies, indem er zum einen den Blick auf seine Jungen-Persona richtet - den 13-jährigen Alexander, der eben einen verheerenden Bombenangriff auf seine Vaterstadt überlebt hat, aber viel mehr als am Krieg unter der Trennung der Eltern leidet - zum anderen aber auch die Sieger und Besiegten aufsucht, sich in sie hineinversetzt, schließlich gar dem deutschen Geiste in Gestalt Martin Heideggers seine verwunderte Aufmerksamkeit schenkt und am Ende wie selbstverständlich Geistern begegnet, die, ausgehend vom Blocksberg, den Ungerächten dieses Gemetzels eine Art Stimme verleihen wollen.

Die schriftstellerische Methode ist den Kluge'schen Lesern und Zuschauern vertraut: In kleinen Erzähleinheiten werden Lebensgeschichten gerafft, Anekdoten ausgebreitet, überraschende Verbindungen geknüpft, die in ihrer Gesamtheit ein ungemein scharfes Bild von einem bestimmten Thema oder Zeitpunkt vermitteln können. Und wenn wir uns in Kluges "Wagenburg der Subjektivität" zurechtgefunden haben, dann erschließt sich uns Lesern und Hörern vielleicht auch dieses größte Wunder des 20. Jahrhunderts: dass diese ewig kriegführenden Deutschen mit diesem 30. April 1945 die Waffen niederlegen. Und dies nicht aus einem taktischen Kalkül heraus, sondern aus einer bis in die letzten Seelengründe reichenden Erschöpfung, die es möglich macht, ohne Hintergedanken zu kapitulieren - eine große zivilisatorische Leistung, die aber auch etwas von einem Märchen hat: die Deutschen als Hans im Glück, der zwar mit leeren Händen dasteht, der aber von nun an ein anderes Leben führen kann.

Alexander Kluge, geb. 1932 in Halberstadt. Jurist, Autor, Filmemacher. Bis Mitte der 80er Jahre 14 abendfüllende Spielfilme, vier Bände mit Geschichten, philosophisch-soziologische Fortsetzung der Kritischen Theorie mit Oskar Negt. Seit 1988 Etablierung von Kulturfenstern im Privatfernsehen, ca. 1.500 Stunden Sendezeit. BR-Hörspiele u.a. "Eigentum am Lebenslauf - Das Gesamte im Werk des Alexander Kluge" (2007 mit Andreas Ammer / Console), "Chronik der Gefühle" (2009, Deutscher Hörbuchpreis 2009).