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Leben mit der Störung Kosten, Dauer, Prognose

Wie lebt es sich mit einer Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörung? Besteht die Chance, jemals davon loszukommen? Und: Was bezahlen die Kassen?

Von: Katharina Hübel

Stand: 04.09.2017

Symbolbild: Männliche Spielzeugfigur sitzt auf Würfeln mit Buchstaben. | Bild: picture-alliance/dpa

Eine Förderung sollte minimal über ein bis zwei Jahre gehen. Wenn die Störung aber sehr ausgeprägt ist, müssen viele Kinder auch in der weiterführenden Schule noch gefördert werden. Dabei gibt es verschiedene Entwicklungen. Vor allem Jungen, die in die Pubertät kommen, sagen dann oft, sie haben keine Lust mehr. Mädchen arbeiten in der Regel kontinuierlicher mit.

Prognose

"Generell ist es so, dass die Betroffenen lernen, es geht nicht ganz weg, ich muss mich damit irgendwie arrangieren. Manche geben auf, sagen, es wird doch sowieso nichts mehr und verlieren auch schon erreichte Kompetenz, andere kämpfen. Die Kinder und Jugendlichen sind ja nicht dumm, sie merken die Diskrepanz, dass sie in anderen Dingen besser sind und versuchen, dagegen anzukämpfen. Aber wer nicht gut lesen und schreiben kann, auch nicht gut rechnen kann, hat es in unserem Bildungssystem nicht so einfach. Das hat Auswirkung auf andere Schulfächer."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Nachteilsausgleich – aber nur für Legasthenie

Deswegen hat der Gesetzgeber auch beschlossen, einen Nachteilsausgleich einzuführen. Klassische Maßnahme ist die Zeitverlängerung bei Proben oder der Einsatz von Diktiergeräten.

"Das Dilemma ist, dass der Nachteilsausgleich bei Abschlussprüfungen nicht mehr gilt. Das ist für viele Betroffene ganz schwierig, weil sie bis dahin mit guten Noten gekommen sind und dann durch die Prüfung fallen. Und für die Rechenstörung gibt es nichts Vergleichbares, da gibt es keinen Nachteilsausgleich. Da klagen viele: Warum gibt es eine Störung erster und zweiter Klasse?"

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Die meisten Betroffenen begleitet die Störung ein Leben lang. Warum man sie nicht ganz beheben kann, ist bislang nicht geklärt.

Gefahren der Nicht-Behandlung

Die Entwicklungswege sind sehr unterschiedlich. Die erwachsenen Betroffenen haben meist Strategien erlernt, wie sie mit der Krankheit umgehen können, wie sie Belastungssituationen vermeiden oder sich Hilfe holen. So gibt es beispielsweise einen Partner, der ihnen die Aufgaben abnimmt oder Korrektur liest. Trotzdem haben diese Menschen immer wieder Angst in Lebenssituationen zu kommen, in denen sie mit der Störung stark konfrontiert werden. Reagieren sie mit Stress darauf, können sie noch schlechter lesen. Das kann verheerende Konsequenzen haben, wenn sie beispielsweise Straßenschilder oder Packungsbeilagen mit Warnhinweisen nicht mehr richtig lesen können. Auch hat das schlechte Lese-, Rechtschreib- und Rechenvermögen nicht unerhebliche Auswirkungen auf die Noten in den anderen Fächern, auf Berufswahl und Karrieremöglichkeiten der Betroffenen, sowie auf mögliche Diskriminierung und die seelische Gesundheit.

Warum ist die Lese- und Rechtschreibstörung die „etabliertere“ Störung?

Die Rechenstörung ist gefühlt das „jüngere“ Phänomen im Bereich der genannten Störungen, zumindest in der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit von Lehrern und der Öffentlichkeit.

Krankenkassen bezahlen die Therapie nicht

"Das ist ein aus meiner Sicht seit Jahrzehnten ungelöstes Problem und wirklich zum Nachteil aller Versicherten. Es gibt Störungen, deren Behandlung bezahlt werden, also nicht nur die Diagnostik, sondern auch die Therapie. Und bei Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung wird es nicht gemacht, obwohl sie als Krankheit eingestuft werden."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Bei einem Kind mit einer Sprachstörung oder einer motorischen Störung wird die Leistung bezahlt, wenn aber ein Kind eine Lesestörung hat wird sie von den gesetzlichen Kassen und privaten Kassen nicht bezahlt.

"Das ist auch wissenschaftlich gesehen vollkommen unverständlich und überhaupt nicht begründet. Es gibt sogar einen Ausschluss dieser Leistungen. Das führt dazu, dass, wenn in der Schule aufgrund mangelnder Ressourcen keine Förderung durchgeführt werden kann oder diese nicht ausreichend ist, was oft passiert, Eltern die Behandlung selbst bezahlen müssen. Das kann sich locker in ein paar Jahren auf 10. bis 20.000 Euro summieren, je nachdem wie sehr die Störung ausgeprägt ist. Da können Sie sich vorstellen, welche Eltern sich das leisten können und welche nicht und was wir für eine soziale Diskrimination haben."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München


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