Bayern 2


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"Not In My Backyard" Frank Brettschneider: "In uns steckt ein kleiner Nimby"

Sei doch kein Nimby - ein Vorwurf, der immer häufiger zu hören ist. Gemeint ist ein Mensch, der sein eigenes Interesse deutlich über die Interessen der Allgemeinheit stellt. Eine Obdachlosenunterkunft oder ein Windrad - eigentlich eine gute Idee, aber bitte nicht bei mir vor der Haustüre! "Not In My Back Yard." Aus der Abkürzung dieses Satzes ist der "Nimby" geworden. In Deutschland spricht man vom Sankt-Florian-Prinzip: "Heiliger Sankt Florian, verschon' mein Haus, zünd' and're an!

Von: Kerstin Grundmann

Stand: 09.01.2019

Wie verbreitet ist das Phänomen? Dazu hat der Kommunikationswissenschaftler Prof. Frank Brettschneider von der Universität in Hohenheim geforscht.

radioWelt: Ist nicht jeder von uns ein Nimby? Sind Bequemlichkeit und Egoismus gleichzusetzen mit "Nimbyismus"?

Prof. Frank Brettschneider: Gleichzusetzen sind sie nicht. Aber in uns drin steckt tatsächlich ein kleiner Nimby. Und zunächst einmal ist das auch völlig legitim, wenn man sagt: 'Ich möchte bei mir vor meinem Grundstück nicht unbedingt den Mobilfunksendemast haben. Der stört mich da, der mindert meinen Grundstückswert oder verschandelt meinen Ausblick.' Das ist okay. Dafür haben wir dann aber Parlamente, um diese vielen unterschiedlichen und legitimen Einzelinteressen auszugleichen, abzuwägen und dann eine Gemeinwohlentscheidung zu treffen.

radioWelt: Der "Nimbyismus" ist in Deutschland besonders ausgeprägt, sagen Sie. Woran machen Sie das fest?

Prof. Frank Brettschneider: Ja, das stimmt. Wir haben bei Bau- und Infrastrukturprojekten, Straßenbauten, Bahnanlagen, Stromüberlandleitungen in Deutschland deutlich heftigere Widerstände, vor allem in Regionen, die sehr wohlhabend sind. Viel eher als etwa im Ausland, bei den Nachbarn in Dänemark oder auch in Österreich. Beim Brenner-Nordzulauf beispielsweise, der die Brennerautobahn von Transporten entlasten und auf die Schiene bringen soll, wird in Österreich unterstützt. In der Region Rosenheim gibt es aber heftige Widerstände. Die Fehmarnbelt-Querung zwischen Deutschland und Dänemark - ein Tunnel zwischen den beiden Ländern - wird von Dänemark bezahlt. In Dänemark weniger als 50 Einwendungen, in Deutschland über 10.000. Das hat was mit unserem Wohlstand zu tun und mit unserem Bildungsgrad.

radioWelt: Ist der "Nimbyismus" eine Art Wohlstandsproblem: Uns geht zu gut, wir haben Angst etwas abzugeben, etwas zu verlieren, unseren Lebensstandard zu ändern?

Prof. Frank Brettschneider: Ja, teilweise ist das tatsächlich so: In den Regionen, die wirtschaftlich etwas schwächer sind, etwa in den neuen Bundesländern, haben wir auch weniger Widerstände gegen solche Infrastrukturprojekte. Je wohlhabender, desto eher versuchen die Leute das, was sie da erreicht haben, auch zu schützen.
Jeder will den flächendeckenden Mobilfunk, am besten auch im modernen Standard 5G, aber den Sendemast den soll man beim Nachbarn hinstellen. Jeder will die Energiewende, aber die Windräder möchte man nicht. Die Stromüberlandleitungen sollen nicht in Bayern verlaufen, sondern lieber in Baden-Württemberg.

radioWelt: Wie steht es um den "Nimbyismus" in der Politik? Manch ein Ministerpräsident, mancher Parteichef macht sich doch sehr gern zum Sprachrohr der kleinen Bürger. Ist das dann auch gleich "Nimbyismus"?

Prof. Frank Brettschneider: Nein. Wenn man sich zum Sprachrohr der kleinen Bürger macht, ist das völlig in Ordnung. Es ist auch eine Aufgabe von Politikern. Aber wir können tatsächlich im politischen Bereich beobachten, dass es auch dort einen Nimbyismus gibt. Horst Seehofer beispielsweise ist für mich ein klassischer Nimby. Da gilt dann die Parole: 'Nicht in meinem Wahlkreis, sondern bitte in einem anderen. Das Atommüll-Endlager brauchen wir unbedingt, aber nicht in Bayern. Und die Stromüberlandleitungen bitte auch nicht in Bayern, sondern woanders hin.' Da machen sich dann Politiker zum Sprachrohr der Nimbys.
Dabei sollten sie eigentlich gucken, dass sie eher ausgleichen, dass sie deutlich machen: Wo sind die Gemeinwohlinteressen und wo muss man vielleicht auch mal zurückstecken, um das Gemeinwohl zu erreichen?


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