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Deutsch-Nigerianische Rückkehrer Tschüss Deutschland, hallo Nigeria!

Zurück zu den Wurzeln: Der deutsch-nigerianische Musiker Adé Bantu hatte die Rassismus-Debatten in Deutschland satt und wanderte nach Nigeria aus - in die Heimat seines Vaters. Damit ist er nicht allein: drei Rückkehr-Geschichten.

Von: Malcolm Ohanwe

Stand: 20.08.2018 | Archiv

"Es gibt kein Morgen. Entweder man agiert jetzt oder man hat seine Chance verpasst"

Adé Bantu (47): Musiker, Aktivist und Festival-Betreiber

Der Musiker und Aktivist Adé Bantu ist zwischen Deutschland und Nigeria großgeworden. Lange Zeit lebte er hier als Musiker und schrieb unter anderem den Hit „Adriano“ gemeinsam mit Xavier Naidoo und Samy Deluxe. Vor einigen Jahren ist er aus Deutschland ausgewandert und hat sich mit der Organisation und Durchführung eines eigenen Festivals „Afropolitan Vibes“ einen Lebenstraum erfüllt. In Nigeria ist er außerdem Juror in einer Castingshow.


Wie wichtig ist es für dich als Musiker und Aktivist gerade in Nigeria tätig zu sein?

Ich glaube Musik hat Macht. Wenn Musik einen Menschen berührt, sind die Hörer auch offen für die Botschaft. Ich habe in Deutschland das Lied „Adriano (Letzte Warnung)" mitkomponiert. Damit haben wir die Menschen auf Rassismus aufmerksam gemacht. Darauf, was es heißt deutsch zu sein, aber nicht „typisch deutsch“ auszusehen. Und diese politische Wirkung von Musik beziehe ich jetzt auf Nigeria. Mit Musik kann man die Menschen wachrütteln, ihnen Mut geben, ihnen Angst nehmen. Man darf nicht vergessen, dass in vielen Regionen Afrikas oft Militärdiktatur vorherrscht: Da werden Menschen nachts ermordet,verschwinden oder kommen ins Gefängnis. Sie sind traumatisiert. Man muss erst wieder lernen, seine Stimme zu erheben. Und wir als Künstler geben den Menschen ihre Stimme zurück.

Wenn ich auf der Bühne stehe und dem Publikum sage: „Wir können diese Scheiße nicht mehr hinnehmen“, werden sie denken: "Er hat Recht, er redet wie wir." Sie können das vielleicht nur hinter verschlossenen Türen, ich hingegen weiß, ich bin geschützt, weil ich Deutsch-Nigerianer bin. Wenn mich jemand grundlos verhaftet, wird die deutsche Regierung etwas dagegen unternehmen. Wenn man solche Privilegien hat, muss man sich immer wieder die Frage stellen: „Was mache ich damit? Wie will ich meine Gesellschaft verändern?“ Nigeria ist im Umbruch und ich will ein Teil dieses Umbruchs sein. Weil ich mich nicht im Spiegel anschauen kann und sagen: „Ich weiß nicht so recht, vielleicht morgen?“ Es gibt kein morgen. Entweder man agiert jetzt oder man hat seine Chance verpasst.

Als Afrodeutscher sagt einem die Mehrheitsgesellschaft oft man sei bitter, wenn man Rassismus und die Folgen des Kolonialismus für Afrika anspricht: „Mach es doch humorvoll, das ist mir zu anstrengend!“ Was ist deine Message für afrikanischstämmige, die sich darüber Luft machen wollen?

Es ist wichtig Afrika kennenzulernen, weil hier sehr viel passiert: Dieser Kontinent befindet sich in einem ständigen Umbruch, erfindet sich tagtäglich neu. Deshalb liegt für mich dort die Zukunft. Es geht nicht um Entwicklungshilfe, sondern darum, auch die schönen Ereignisse in Afrika wahrzunehmen. Europa und europäische Unternehmen sollen sich einfach aus unseren Angelegenheiten raushalten. Die Zeit des Erklärens ist vorbei, die Zeit in der wir sagen „Gebt uns Platz, gibt uns Sendezeit, hört uns doch bitte zu, lasst uns auf unserem Festival spielen, bitte gebt uns mehr als 3 Minuten Bericht-Zeit“ ist vorbei. Wir brauchen Europa nicht, Europa braucht uns, weil wenn es darum geht zu überleben in einer Gesellschaft wo viele Kulturen miteinander klarkommen müssen sind wir die Experten, also muss Europa auf uns zukommen.

Was sind Dinge die Nigeria für Afrodeutsche besonders attraktiv machen?

Ich kann jedem Afropäer, jedem Afrodeutschen nur empfehlen: „Komm zurück!“. Man findet seinen inneren Frieden nur, indem man zurück nach Afrika kehrt. Einfach auf den Kontinent zu gehen, hier Urlaub machen, den Menschen begegnen, sich selbst hier sehen und wiederfinden, weil das ständige Erklären jedes Mal: „Oh wo kommst du hier, wie lange bleibst du? Wann gehst du?“ , damit haben wir unser Leben lang zu tun. Aber hier in Afrika wird man mit offenen Armen empfangen. Klingt wie ein Klischee, ist aber Realität.

Findest du, dass Nigeria in Europa zum Beispiel durch Boko Haram einseitig dargestellt wird?

Um ehrlich zu sein - und das kann hart klingen - ist mir scheißegal, was Europa über Afrika denkt. Ich kann die Menschen nicht umprogrammieren. Wir leben in 2018: Wenn man sich nicht die Zeit nimmt, einfach ins Internet zu gehen und sich zu informieren, dann hat man den Zug eben verpasst. Nigeria über „Boko Haram“ zu definieren, ist wie Deutschland über die AfD zu definieren. Zu sagen, alle Deutschen seien rassistisch, dort würde ich als Schwarzer ermordert werden, also gehe ich da nicht hin. So etwas ist Unfug!

Was ist dein längerfristiges Ziel mit deiner Afropolitan-Vibes-Bewegung?

Ich hoffe eine riesige Festival-Bewegung ins Leben zu rufen. Uns geht es um Afrika. Unser Hauptanliegen ist es weitere Ableger zu etablieren. Weil ich finde, dass viele afrikanische Künstler sich nur in Europa und Amerika begegnen. Wir wollen aber, dass die afrikanische Musikszene sich auch auf dem Kontinent mehr begegnet.

"Man darf nicht auf gut Glück kommen, man sollte schon einen Plan haben"

Yetunde Babaeko (38): Werbefotografin

Yetunde Ayeni Babaeko ist in Nigeria als Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers geboren worden. Mit fünf Jahren zog sie in eine kleine Ortschaft in Deutschland und hat ihre ganze Kindheit über kein einziges Mal ihr Heimatland in Afrika besucht. Da ihr als Binationale irgendwann etwas fehlte, beschloss sie aus Neugierde mit 23 Jahren nach Nigeria zu kommen. Das war 2004. Was nur als ein Foto-Praktikum begann, wurde zu einer langfristigen Auswanderung. Mittlerweile ist sie erfolgreiche Fotografin und mit dem Medien-Mogul Steve Babaeko verheiratet.

Aus Deutschland nach Nigeria zu kommen muss doch eine extreme Umgewöhnung sein, auch auf dem Markt als Fotografin. Wie lief das ab?

Wir machen in meinem Studio neben Werbung auch Portraits. Hier in Nigeria ist man „flamboyant", auf Deutsch gesagt, man takelt sich auf. Das haben wir in Deutschland eigentlich gar nicht so. Man mag es da eher natürlich. Das war, glaube ich die größte Umstellung für mich. Alle Frauen wollten so aussehen, wie auf Magazin-Covern. Ich tat mir schwer damit, aber dann dachte ich mir: "Es geht ja nicht nur um dich. Es geht um dein Studio, wir müssen Geld verdienen" Und dann setzt man sich hin und lernt, wie man retuschiert und eine Frau zehn Jahre jünger aussehen lässt. Es ist nunmal ein Job, wir sind hier im Service Business.

Ist es für dich strategisch gut gewesen in Nigeria die Marktlücke zu suchen?

Ja, das gebe ich offen zu. In Deutschland gibt es Werbefotografen wie Sand am Meer. Vielleicht hätte ich es auch in Deutschland geschafft - den Biss und die Motivation hätte ich schon - aber hier war es schon einfacher. Und natürlich habe ich auch meinen Mann kennengelernt, der mir geholfen hat. Ich hatte aber auch Interesse an Nigeria, ich wollte nicht mehr in Deutschland leben.

Was wäre dein Rat für Leute aus der Diaspora, die mit dem Gedanken spielen in die Heimat ihrer Eltern zu ziehen?

Habt etwas zu bieten! Habt eine gute Ausbildung oder ein gutes Studium. So kann man die Situation hier wirklich verbessern. Es gibt in Afrika so viele Optionen in der Landwirtschaft oder in der Infrastruktur. Als Architekt oder Ingenieur ist man extrem gefragt. Eine gute Freundin von mir zum Beispiel, auch Deutsch-Nigerianerin, hat hier ein Yoga-Business aufgemacht. Sie hat Yoga in Deutschland gelernt und dann gesehen, dass das hier eine Nische ist, dass Yoga im Kommen ist. Da ist sie hergekommen und hat damit hier weitergemacht.

Was sind die größten Fehler, die man machen kann?

Man darf nicht auf gut Glück nach Afrika kommen, man sollte schon einen Plan haben. Ich hab hier Menschen von der Diaspora kennengelernt, bei denen ich mir denke: „Mein Gott, ihr habt einfach ein Ticket gekauft und seid gekommen. Schön! Aber nur weil ihr anders ausseht, heißt das nicht, dass ihr hier erfolgreich werdet.“

"Ich fühle mich mittlerweile einfach mehr mit meinen Wurzeln verbunden"

Safurat Balogun (25): Leiterin für Information und Ausbildung am Goethe-Institut

Safurat Balogun kam mit 10 Jahren nach Deutschland, ging seitdem dort zur Schule und lebte dort, bis sie das erste Mal mit 22 Jahren nach ihrem Bachelor einen kurzen Urlaub in Nigeria machte. Nachdem sie merkte, dass ihr Master-Studium in Deutschland sie nicht glücklich machte, ging sie auf ein Inserat des Goethe-Instituts ein und bekam die Stelle. Seit Januar 2016 ist sie die Leiterin der Abteilung für Information und Bildung im nigerianischen Goethe-Institut.

Was waren für dich die krassesten gesellschaftlichen Veränderungen mit deiner Rückkehr nach Nigeria?

Dass hier der erste Kontakt nicht mehr über meine Hautfarbe definiert wird, das ist ein riesiger Pluspunkt für den Alltag. In Deutschland habe ich keine super krassen Rassismus-Erfahrungen gemacht, aber hin und wieder in der Schule oder im Zug hat man das schon gemerkt, dass man anders aussieht oder Sprüche bekommen wie "Geh zurück nach Afrika!". Hier in Nigeria habe ich das natürlich gar nicht, man sieht ja nicht, dass ich auch Deutsche bin. Insofern habe ich aber auch keine Privilegien, die manche Nigerianer Leuten einräumen, die europäisch oder "mixed" aussehen. Was mir auch super geholfen hat: Ich habe mich, obwohl ich über zehn Jahre nicht mehr in Nigeria war, auch immer up to date gehalten: Was gerade in der Popkultur passiert, welche Schauspieler da gerade hip sind. Über das Internet konnte ich die Medien von dort konsumieren. Das hat es mir leichter gemacht mich in Nigeria wieder zu integrieren und mitreden zu können.

Kommt es vor, dass du auch wieder zurück nach Deutschland möchtest?

Ja, diese Momente habe ich schon. Ich weiß auch, dass ich durch meinen Doppelpass immer zurück nach Deutschland kommen kann, wenn es mir hier in Nigeria irgendwann nicht mehr gefallen sollte. Es ist sehr gut das im Hinterkopf zu haben. Sehr oft habe ich diese Momente, wo ich mir denke: „Ich pack meine Sachen und geh wieder zurück nach Deutschland“. Aber wenn ich dann für paar Wochen in Deutschland bin, merke ich, dass ich wieder zurück nach Lagos muss.

Was hat die Rückwanderung mit deiner Identität gemacht?

Ich bin sehr oft aus beruflichen Gründen in Deutschland und da ist mir aufgefallen, wie viel mir meine nigerianischen Wurzeln irgendwie doch bedeuten. Das war nicht so extrem, als ich in Deutschland war. Aber seitdem ich in Nigeria wohne, merke ich das an total banalen Dingen wie dem Essen. Ich kann auch bei kurzen Deutschland-Trips nicht mehr ohne mein nigerianisches Essen leben. Das ist irgendwie mein Comfort-Essen, da fühle ich mich wohl. Ich fühle mich mittlerweile einfach viel mehr mit meinen nigerianischen Wurzeln verbunden.


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