Bayern 2


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BuchFavorit Philippe Djian: "Marlène"

Zwei ehemalige Elitesoldaten versuchen, zurück ins zivile Leben zu finden. Als Marlène einzieht, die Schwägerin eines der Veteranen, eskalieren unterschwellige Konflikte – zwischen den Frauen und den einstigen Kampfgefährten.

Von: Heinz Gorr

Stand: 15.01.2019

Buchcover: "Marlène" - Philippe Djian | Bild: Diogenes Verlag

Wie so oft bei Djian trägt sich die Geschichte in der namenlosen französischen Provinz zu. Während sich das Quintett der Hauptfiguren mühsam durchschlägt, um irgendwann zur kleinbürgerlichen Mittelschicht einer Garnisonsstadt zu gehören, schürzt sich – fast wie im antiken Drama – ein verhängnisvoller Knoten aus unbewältigter Vergangenheit, Leidenschaften, Misstrauen und den Folgen traumatischer Erfahrungen.

Da sind Nath und ihre Tochter Mona, die hinter der rauen, cool-rotzigen Schale einer 18-Jährigen starke Emotionen verbirgt. Ihr Vater, Naths Mann Richard, ist ein Heißsporn, dessen unkontrollierbares Wesen ihm gerade wieder eine dreimonatige Zeit im Knast verschafft hat. Untrennbar verbunden sind sie mit dem scheuen, bindungsunwilligen Dan, Richards einzigem Freund seit Kindertagen. Dan und Richard sind Ex-Soldaten, haben in einer Eliteeinheit gedient. Das hat Spuren hinterlassen, vor allem bei Nath.

"Jemen, Irak, Afghanistan. Der Mann, den die Armee ihr zurückgegeben hatte, war nicht der, den sie einmal gekannt hatte. Alle hier wussten, wie diese Geschichten endeten, aber niemand wollte sie glauben, bis ein Sohn, Mann oder Vater mit einem Dachschaden zurückkam, alles hinschmiss…"

Zitat aus dem Buch 'Marlène'

Die Veteranen erweisen sich als unfähig, in ein ziviles Leben zurückzufinden: während Richard ständig über die Stränge schlägt und sich mit halbseidenen Leuten einlässt, hat sich Dan als schützendes Gerüst eine penible Ordnung auferlegt und kommt mit dem Job im Bowling-Center als stiller Einzelgänger halbwegs zurecht. Doch auch ihn holen die Kriegserlebnisse immer wieder ein.

"Er fühlte sich nicht gern allein, die Stille tat ihm in den Ohren weh, und wenn sie zu lange andauerte, musste er sich zurückhalten, um nicht zu schreien…"

Zitat aus dem Buch 'Marlène'

Eine Frau, die Unheil anzieht

In diese Gemengelage bricht unversehens Marlène ein: Naths Schwester. Da ihr Lebenspartner sie unerbittlich vor die Tür gesetzt hat, sucht Marlène Unterschlupf, kann in Naths Hundesalon mitarbeiten und fürs Erste eine Bleibe finden.

Marlène ist mehr als tolpatschig, ohne es zu wollen, scheint sie das Unglück anzuziehen. Zudem wird sie wiederholt überraschend ohnmächtig, stresst alle, die sich mit ihr abgeben. Und doch kann sie als Einzige Dans scheinbar undurchdringlichen Single-Panzer knacken, die beiden beginnen eine zaghafte Beziehung. Solange die geheim bleibt, geht alles gut. Auch zwischen den Veteranen, die sich blind aufeinander verlassen aufgrund eines "unumkehrbaren Schwurs" aus Einsatztagen:

"…auf ihn konnten sie sich ohne Zögern verlassen. Absolutes Vertrauen, das ihnen half, und steckten sie auch manchmal in der größte Krise, der tiefsten Hoffnungslosigkeit fest."

Zitat aus dem Buch 'Marlène'

Als ihre Romanze mit Dan durchsickert, wird Marlène zum Katalysator für das unterschwellig Katastrophische in dem Mikrokosmos: dabei spielen die Sehnsüchte des Mädchens Mona eine Rolle, die sich Dan vergeblich an den Hals wirft, ebenso wie die Frustrationen Naths mit den Eskapaden ihres traumatisierten Mannes:

"…manchmal ist es nicht lustig, immer dieser Kriegsgeruch und der von dumpfer Angst, die nie weit weg ist…"

Zitat aus dem Buch 'Marlène'

Kriegstraumata und Beziehungsgeheimnisse – eine explosive Situation

Und schließlich ist da noch ein Geheimnis zwischen Schwager und Schwägerin, Richard und Marlène: eine "letzte, weit zurückliegende Begegnung", die "nicht auskuriert" sei. Alte Wunden brechen auf und jene Verletzungen, die weder Pillen noch Drogen oder militärische Psychodoktoren heilen können. Das kostet am Ende zwei Menschenleben.

Seit dem 80er-Jahre-Kultbuch um das Mädchen Betty Blue ist Philippe Djians unsentimentale Erzählsprache mit knappen, authentischen Dialogen sein Markenzeichen. Auch in Marlène passt er seinen lakonischen Stil dem Ambiente der Ex-Elitekämpfer an, vermittelt ganz beiläufig, wie die Protagonisten in soldatischen Kategorien denken und fühlen. Wie um die Ausweglosigkeit der Situation zu unterstreichen, hat dieser Roman eine typographische Besonderheit: Djian lässt sämtliche Fragezeichen weg. Und mit der Titelfigur hat der Autor wieder einen Frauencharakter geschaffen, der bis zum dramatischen Finale unberechenbar bleibt.

Diogenes Verlag, Zürich, 2018, aus dem Französischen von Norma Cassau, 288 Seiten


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