Bayern 2


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Pflegenotstand in Altenheimen "Schlechte Pflege heißt mehr Geld im System"

Ein Pfleger, 15 Patienten und kaum Zeit zu trinken oder zur Toilette zu gehen. Die Zustände in der Pflege sind katastrophal, sagt Pflegekritiker Claus Fussek. Warum er diese Situation für Vorsatz hält, erklärt er im Interview.

Von: Matthias Knappe

Stand: 17.08.2018

Matthias Knappe: Sie haben die These aufgestellt: "Solange man an den Folgen schlechter Pflege sehr viel Geld verdienen kann (...), solange wird sich an den Missständen nichts ändern". Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die Gewinnbestrebungen privater Pflegebetriebe jetzt ebenfalls stark kritisiert. Hat er von Ihnen abgeschrieben?

Claus Fussek: Ich weiß nicht, ob er von mir abgeschrieben hat. Aber das, was ich da gesagt habe, habe ich mir ja nicht ausgedacht. Das sind Erkenntnisse, die wir seit Jahrzehnten haben. Jeder, der in der Pflege tätig oder verantwortlich ist, kennt die Zusammenhänge. Der Kernsatz in der Pflege sagt: "Wir pflegen die alten Menschen in die Betten und je schlechter sie gepflegt werden, desto mehr Geld kriegt man in diesem System." Eine banale Erkenntnis. Grauenhaft, aber…

Aber zynisch!

Ja, es ist zynisch. Aber es ist bittere Realität.

Claus Fussek

Deutschlands bekanntester Pflegekritiker wird 1935 in Bad Tölz geboren. Er arbeitet als Sozialarbeiter und Buchautor. 2008 erscheint sein Hauptwerk "Im Netz der Pflegemafia". Er engagiert sich in Vereinen und Initiativen, um die Pflegesituation zu verbessern.

Wo stimmen Sie denn konkret mit den Forderungen oder den Aussagen von Jens Spahn überein?

Es sind keine Forderungen von Jens Spahn. Es gibt keinen Menschen in Deutschland, der für schlechte Pflege ist. Es gibt niemanden in Deutschland, der gegen bessere Bezahlung oder bessere Arbeitsbedingungen ist. Das ist eine absurde Situation, denn das ist auch ein Thema, das nichts mit Parteipolitik zu tun hat. Wir wissen, jeder möchte im Alter gepflegt werden – am liebsten zu Hause und wenn er in ein Heim muss, dann in Würde. Und nebenbei gesagt: Es gibt natürlich immer gut geführte Einrichtungen. Das sind dann gute Beispiele, die auch nicht mehr Geld haben und unter ähnlichen Rahmenbedingungen arbeiten.


Wenn die Pflege bisher vielerorts so schlecht ist, fehlt es an staatlichen Kontrollen und Vorgaben?

Es gibt in der Pflege ein Zitat, das sagt Pflegeheime seien besser kontrolliert als Atomkraftwerke. Ja, das ist eine absurde Situation.

Aber das glaubt doch kein Mensch?

Ja, das weiß auch jeder. Was wir in den Pflegeheimen brauchen, ist ein Frühwarnsystem. Ich habe mal einen wunderbaren Heimleiter erlebt, dem ich meine Eltern anvertrauen würde. Der hat zu mir gesagt: „Ich brauche keine Heimaufsicht.“ Auf die Frage wieso, sagt er: „Ich hab sie 365 Tage im Haus.“ Was wir brauchen, ist ein Frühwarnsystem! Wir haben keine Heimaufsicht im Kindergarten,  wir haben keine Heimaufsicht in der Schule. Wenn alle zusammen halten würden und wenn alle gemeinsam solidarisch wären, könnte es diese Missstände in diesem Ausmaß nicht geben.

Alle meint dann…?

Alle! In den Heimen liegen unsere Angehörigen, unsere Eltern und für die sind wir verantwortlich. Und wenn die Pflegekräfte, die ja genau diesen Beruf ergriffen haben, um den Schutzbedürftigen und letztendlich ausgelieferten Menschen zu helfen, mit den Angehörigen zusammen arbeiten und ehrlich sagen würden: "So sieht es aus. Das können wir leisten und das können wir nicht leisten."

Aber abgesehen vom Krankenpflegeschüler Alexander Jorde in der ARD Wahlarena mit Angela Merkel letztes Jahr im September, warum packt denn niemand aus?

Ich kann’s nicht nachvollziehen. Ich hab hier ein Zitat von einem Altenpflege-Lehrer: „Es ist würdelos, im Laufschritt über die Station zu schreiten, es ist würdelos, die Leute im Kot liegen zu lassen.“ Das Zitat ist von 1987. Man muss sich das mal bildlich vorstellen: in einem der reichsten Länder der Welt liegen seit 30 Jahren unsere Alten in ihren Ausscheidungen und niemand empört sich. Und das glaube ich, war das Schlüsselzitat von Herr Jorde im Fernsehen. Es gab keinen gesellschaftlichen Aufschrei - weder der Kirchen, noch der Menschenrechtsgruppen oder irgendwo! Man ist zur Tagesordnung übergegangen.

Zum Personalmangel: Jetzt sollen ab Anfang letzten Jahres 13.000 neue Stellen geschaffen werden. Woher sollen die Leute kommen?

Also ein Großteil der Pflegeprobleme ist hausgemacht. Wir brauchen „Sofortmaßnahmen“. Wir müssen sehen, dass das vorhandene Personal gehegt und gepflegt wird wie Juwelen. Dass sie besser bezahlt werden müssen, da gibt es keine zwei Meinungen. Das können wir sofort machen. Das ist aber Aufgabe der Tarifpartei von Herrn Spahn.

Die Arbeitsbedingungen zu schaffen, das ist Aufgabe der Arbeitgeber. Ich pflege mein Personal. Ich kenne Einrichtungen, in denen die Mitarbeiter wertgeschätzt werden. Sie bekommen Fortbildungen, Supervision, Seelsorge. Vor allem wichtig: Die Schülerinnen und Schüler müssen gepflegt werden. Das kann doch nicht sein, dass wir versuchen Leute aus dem Ausland zu holen und verheizen den eigenen Nachwuchs. Also das ist irre. Und ich kann immer nur betonen: Gehen wir in diese sogenannten positiven Einrichtungen, die zeigen, wie es anders geht.

Flyer vom Volksbegehren gegen Pflegenotstand | Bild: BR / Johannes Hofelich zum Artikel Volksbegehren Aus Augsburg versendet: Wie über eine Tonne Papier gegen den Pflegenotstand helfen soll

„Stoppt den Pflegenotstand“, so heißt ein Volksbegehren, das unter anderem von Ärzten, Pflegern und Politikern kürzlich auf den Weg gebracht wurde. 40.000 Unterschriften möchten sie sammeln – heute wollen sie aus Augsburg ein großes Paket losschicken. [mehr]

Könnte ich denn jetzt einfach als Matthias Knappe morgen oder übermorgen am Wochenende bei mir daheim um die Ecke ins Heim gehen und sagen: "Ich will einfach gern mal sehen, wie es bei Ihnen ausschaut?"

Ja selbstverständlich. Das sind öffentliche Einrichtungen und in gut geführten Einrichtungen sind Sie herzlich willkommen.

Aber das sind doch private Träger?

Das ist doch völlig egal. Das sind öffentliche Einrichtungen und private Träger sind ja nicht automatisch schlechter als Träger der Wohlfahrtspflege. Also die Missstände kommen auch aus der Caritas oder der Diakonie. Es steht und fällt mit den Menschen, die vor Ort sind.

Wenn Sie jetzt von heute auf morgen einen Heimplatz für einen Angehörigen oder einen Freund bräuchten. Unbedingt. Und es gibt keinen Ausweg. Nach welchen Kriterien würden Sie vorgehen?

Zunächst einmal müssen Sie telefonieren und fragen, ob ein Platz frei ist. Und falls ich die Wahl hätte, wäre das Zweite: Das Heim muss vor Ort sein, weil Sie sich in jedem Pflegeheim kümmern müssen. Das ist auch die Botschaft für alle, die die Sendung heute hören: Gehen Sie rein in die Einrichtungen und kümmern Sie sich. Jetzt bei der Hitze müssen Sie den Leuten zu essen und zu trinken geben.

Also um das mal wirklich konkret zu machen. Ich kenn das aus den Heimen, da stehen Karaffen mit Wasser rum, aber es gibt genug alte Menschen, die das nicht trinken können.

Also wir haben ein Problem, das muss man sich vorstellen: Menschen in deutschen Pflegeheimen, die austrocknen und ins Krankenhaus gefahren werden, das wissen wir alle. Das ist ja vorsätzlich. Wenn ich reingehe ins Heim und sehe, es sind zwei Menschlein auf Station, die 30 Leute zu versorgen haben, dann kann ich mir ja ausrechnen, dass das nicht funktionieren kann.

Den Pflegekräften sage ich einfach: Ihr müsst endlich den Mund aufmachen. Ihr müsst euch mit den Angehörigen solidarisieren. Dokumentiert endlich nur noch ehrlich das, was ihr leisten könnt. Wenn ihr die Politik in die Verantwortung nehmt, dann müsst ihr die auch ehrlich konfrontieren und nicht so einen Kindergarten machen wie da, als Frau Merkel im Heim war und man ihr ein präpariertes Pflegeheim präsentiert hat.


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