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Pflege durch Angehörige Porträt: Familie betreut kranken Vater

Von den rund drei Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden über 70 Prozent zuhause durch Angehörige versorgt. Ein Beispiel aus München.

Von: Rainer Ulbrich

Stand: 03.04.2018

Altenpflege zuhause | Bild: picture-alliance/dpa

Paula Angermann ist 70 Jahre alt und wohnt im Münchner Norden. Vor zehn Jahren hatte ihr Mann die erste Gehirnblutung. Weitere folgten. Schließlich erlitt er drei Blutungen ganz kurz hintereinander. Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben. Doch der Kranke kämpfte sich ins Leben zurück. Die Familie beschloss, ihn zuhause zu versorgen. Der 80jährige hat den höchsten Pflegegrad fünf. Er kann nicht aufstehen, kaum sprechen und seit kurzem auch fast nicht mehr schlucken. Die Nahrung bekommt er jetzt über eine PEG- Sonde, also über einen künstlichen Zugang direkt in den Magen.

"Mein Mann ist seit vier Jahren ein 24- Stunden- Pflegefall. Er wird liebevoll zuhause gepflegt. Es ist eine Wahnsinnsaufgabe, eine Wahnsinnsbelastung. Meine Schwester ist ein Engel, denn sie hilft mir betreuen. Sie ist an fünf Tagen in der Woche hier von acht Uhr morgens bis zwei Uhr oder drei Uhr am Nachmittag. Sie vertritt mich, wenn ich mal, was nicht oft vorkommt, abends weggehe."

Paula Angermann ( 70 ), pflegt ihren schwerkranken Ehemann

Alle helfen bei der Pflege mit

Das Pflegebett des Kranken steht im Wohnzimmer. Der Ehemann und Vater soll am gemeinsamen Leben der Familie teilhaben. Der Zusammenhalt der Angehörigen funktioniert sehr gut. Die Familienmitglieder teilen sich die Pflege auf. Alle helfen mit, soweit sie können: Die Ehefrau, der Sohn und die Schwester der Ehefrau.

"Wenn ich sehe, wie er daliegt und wirklich jede Hilfe braucht und wenn ich denke, dass meine Schwester mit der Pflege alleine wäre - ich könnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Ich bin seit ein paar Jahren in Rente. Ich habe noch einen Minijob und betreue zwischendurch auch noch die Enkel. Aber weil ich in Rente bin, geht das von der Zeit her."

Hannelore Josef, unterstützt ihre Schwester bei der Pflege

Der Zusammenhalt der Familie hilft, die Belastungen zu reduzieren.

Der 46-jährige Sohn Klaus Angermann hat meistens nur am Wochenende Zeit, bei der Pflege zu helfen. Er ist berufstätig und muss ein Kind versorgen. Ohne Planung geht da nichts. Vor dem Wochenende telefoniert Klaus Angermann mit seiner Mutter und seiner Tante und bespricht mit ihnen, wann er vorbeischauen kann. Er unterstützt die beiden Frauen vor allem einmal in der Woche beim Duschen. Den Vater aus dem Bett zu heben und mit dem Rollstuhl unter die Dusche zu fahren, erfordert sehr viel Kraft.

"Meine Mutter hätte diese ganzen Jahre nicht überstanden, wenn sie keine Hilfe gehabt hätte. Sie wäre zerbrochen, wenn sie nicht diese Hilfe von meiner Tante gehabt hätte. Und da zeigt sich, wie stark dieser Familienzusammenhalt sein muss, um solche Situationen einigermaßen verarbeiten zu können. Es geht ja nicht nur um die Arbeit, es geht ja auch um den Trost, um das Gespräch, wenn  man überlastet ist. Es ist wichtig, dass man dann einen Ansprechpartner hat. Ich selbst bin Vollzeit beschäftigt und bin alleinerziehender Vater. Ich schaffe es bloß ein- oder zweimal in der Woche zu kommen. Aber ich versuche immer, wenn ich Zeit habe, vorbeizuschauen."

Klaus Angermann ( 46 ), hilft seiner Mutter und Tante bei der Pflege des Vaters

Entlastungs-Angebote für pflegende Angehörige sind dringend erforderlich

Dreimal am Tag kommt ein Pflegedienst. Anders schaffe man es nicht - beim höchsten Pflegegrad fünf, sagt Paula Angermann. Trotz der Unterstützung durch ihre Familie und den Pflegedienst hat sie es einmal nicht mehr geschafft und ist selbst krank geworden: Im vergangenen Oktober musste sie für drei Wochen in die Klinik. Sie wünscht sich deshalb mehr Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige, zum Beispiel Tagespflege-Angebote.

"Es gibt viel zu wenige Kurzzeitpflegebetten in den Heimen, weil es nicht rentabel ist. Wenn man ein Heim findet, das Kurzzeitpflege anbietet, geht das nur ab einer Mindestdauer von 14 Tagen oder mehr. Für ein paar Tage machen die Heime das nicht."

Paula Angermann ( 70 ), pflegt ihren schwerkranken Ehemann

Die Gesellschaft muss pflegende Familien besser unterstützen

Auch der Sohn, Klaus Angermann, glaubt, dass die Entlastungs-Angebote bei weitem nicht ausreichen. Er erwartet von der Gesellschaft mehr Unterstützung für die Familien. Vor allem für die Angehörigen, die keine Möglichkeit haben, sich die Aufgaben der Pflege zu teilen.

"Wenn die Hilfe in der Familie nicht da ist, zerbrechen die Menschen, denen diese Arbeit alleine überlassen wird. Es muss eine bessere Entlastung geben für die pflegenden Familienangehörigen, ob das jetzt finanzielle Hilfen sind oder personelle Unterstützungsangebote von öffentlichen Einrichtungen, von Verbänden oder Organisationen. Das wäre hilfreich, also diese Unterstützung ist essentiell wichtig."

Klaus Angermann ( 46 ), hilft seiner Mutter und Tante bei der Pflege des Vaters


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