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Mut zum Pathos Wim Wenders und seine Hommage an den Papst

Es war ein Auftrag von ganz oben: Der Vatikan selbst bestellte bei Wim Wenders eine Dokumentation über sein Oberhaupt. Der Regisseur sagte zu – und setzte seinen Papst-Film ausdrücklich als Verehrer von Papst Franziskus um.

Von: Kirsten Martins

Stand: 12.06.2018

Überrascht war Wim Wenders über die Anfrage aus Rom nur so lange, bis er erfuhr, dass der Präfekt für Kommunikation im Vatikan ein studierter Filmwissenschaftler und Wenders-Fan ist. Der Papst hingegen gestand dem Regisseur schon bei ihrem ersten Treffen, dass er keinen Film von ihm gesehen hatte. Viermal trafen sich die beiden und redeten mehrere Stunden miteinander. "Ich wollte kein Interview mit dem Papst machen", sagte Wenders der ARD bei den Filmfestspielen von Cannes. "Mein Konzept war, dass er zu aller Welt spricht und über seine Anliegen reden kann, nicht sich mit mir unterhält. Meine Fragen sind stellvertretend für die Fragen, die, glaube ich, alle Menschen an ihn hätten."

Großer Einzelauftritt des Papstes

Der Regisseur porträtierte schon mehrfach für ihn wichtige Personen unserer Zeit: die Tänzerin und Chroreografin Pina Bausch, den sozialdokumentarischen Fotografen Sebastião Salgado und die Musiker des kubanischen "Buena Vista Social Club". Kritik und Analyse interessierten ihn dabei nicht. Er ließ sich auf ihre Lebenswelten ein, redete mit Freunden und Mitarbeitern und teilte immer seine Begeisterung mit den Zuschauern.

Papst Franziskus – suggestive Bilder einer charismatischen Person

So auch in dieser Hommage, die deutlich zeigt, wie fasziniert der Regisseur von Papst Franziskus ist. Er spricht selbst den Off-Text, konzentriert sich nur auf ihn, vermeidet biografische Hintergründe und Erzählungen von Verwandten und Mitarbeitern – eine Solo-Show des Pontifex Maximus. Groß füllen sein Kopf, seine verschmitzten dunklen Augen, sein optimistisches Lächeln die Leinwand aus. "Lasst uns nach vorn schauen und gemeinsam vorangehen", tröstete er die Menschen auf der philippinischen Insel Leyte, auf der 7.500 Menschen durch einen Taifun starben. Wenders zeigt lange Archivaufnahmen: Es regnet heftig, und der Papst trägt denselben einfachen gelben Regenschutz wie die Gläubigen vor ihm. Offensichtlich ist, dass die Bescheidenheit, die menschliche Wärme dieses Mannes authentisch sind – er konnte sie sich erhalten, trotz Ruhm und weltweiter Aufmerksamkeit.

Das berühmte Wenders-Pathos

Wenders folgt dem Papst durch fünf Jahre Pontifikat: nach Lampedusa, in die Slums von Argentinien, in afrikanische Krankenhäuser und italienische Gefängnisse. Deutlich sind Franziskus' Worte im Gespräch mit Wenders über Umweltzerstörung, Rassismus, Waffenhandel und Wegwerfkultur. Ebenso deutlich wird er, als ihn Wenders zur Pädophilie in der katholischen Kirche befragt: "Bei der Frage ist er sehr emotional geworden", so Wenders. "Bei der Frage hat man einen tiefen Ärger gespürt. Ich glaube, seine Grundeinstellung und seine eigene Überzeugung ist ganz knallhart, da gibt es kein Pardon für niemanden. Aber das dann durchzusetzen, ist, glaube ich, nach wie vor ein ständiger Kampf."

Im Sinn seines Namenspatrons Franz von Assisi verzichtet der Papst, ein leidenschaftlicher Kapitalismuskritiker, auf jeden Luxus, allen Prunk und fordert dazu auf, mit weniger auszukommen. Bezeichnend eine Szene in Washington: Papst Franziskus soll vor dem amerikanischen Senat sprechen, riesige schwarz glänzende Luxuskarossen rollen heran, mittendrin auch ein kleiner weißer, vollbesetzter Wagen – darin der Papst. "Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes", der umständliche Filmtitel klingt auch wie eine Anklage an andere mächtige Menschen, die keineswegs ihr Wort halten. Da ist es wieder, das berühmte Pathos des Wim Wenders, für manche nervig, im zynischen Filmgeschäft jedoch gewagt.