Bayern 2


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Bayern 2-BuchFavorit Olivia Elkaim: "Modigliani, mon amour"

Hauptfigur des Romans "Modigliani, mon amour" der Fanzösin Olivia Elkaim ist nicht der Maler Amedeo Modigliani, von dem ein einziges Gemälde kürzlich für mehr als 150 Millionen Dollar versteigert wurde. Im Zentrum des Bayern 2-BuchFavoriten steht vielmehr die letzte Muse des früh verstorbenen Künstlers. Eine Empfehlung von Heinz Gorr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 10.07.2018

Buchcover "Modigliani, mon amour" von Olivia Elkaim | Bild: Ebersbach & Simon, Montage: BR

Dass das zufällige Aufeinandertreffen mit dem Maler Amedeo Modigliani im Treppenhaus der Akademie Colarossi das Leben der Ich-Erzählerin in radikal neue Bahnen lenken wird, ist anfangs noch nicht zu ahnen. Erst recht nicht, dass dieses Leben knapp vier Jahre später ein jähes Ende findet. Dazwischen entspinnt sich eine der tragischsten Liebesgeschichten der jüngeren Kunstwelt – und obwohl sie einem Roman Émile Zolas entstammen könnte: Es hat sie wirklich gegeben, die Liaison zwischen der gerade 18-jährigen Kunstschülerin Jeanne Hébuterne und dem exzentrischen Italiener in Paris.

"Er reißt sich das Hemd vom Leib, knöpft die Hose auf und uriniert in einen Hauseingang. Halb nackt geht er untergehakt mit Utrillo, beide mit einer Armagnac-Fahne, daher und bricht an einer verwitterten Mauer hustend zusammen. Das ist der Mann, den ich liebe. Das ist der Mann, mit dem ich zusammenlebe."

Zitat aus dem Buch 'Modigliani, mon amour' von Olivia Elkaim

Die amour fou eines ungleichen Paars

Die französische Autorin Olivia Elkaim

Mitten im Ersten Weltkrieg sind sie sich begegnet, mehr Kontrast ist kaum denkbar: Hier Modigliani, der sich in der Kunstmetropole eigentlich als Bildhauer perfektionieren wollte, wegen seiner Tuberkulose-Erkrankung aber irgendwann zur Malerei wechselt. Da die 14 Jahre jüngere, wohlbehütete Tochter aus guter Pariser Familie. Das erste Aufeinandertreffen ist der Funke für eine amour fou des ungleichen Paars. Die französische Autorin Olivia Elkaim schildert in ihrem Roman das Geschehen aus der Perspektive der jungen Frau und erzählt, wie es gewesen sein könnte, als sie über Nacht ins Milieu der Künstler von Montparnasse wechselt. Eine furios durchfeierte Ballnacht mit Modigliani und seiner Entourage wird für Jeanne, deren streng katholische Erziehung alles Sexuelle verteufelte, zur Initiation.

"Dann fühle ich für einen Augenblick, dass ich keine zweigeteilte Hébuterne mehr bin, bei der der Kopf den Unterleib ausschaltet. Ich bin eins. Ich gehöre ihm. Ein unbändiges Begehren hat meine Melancholie besiegt. Es ist mir gelungen, den Tod von mir fernzuhalten. Ich genieße das Leben in vollen Zügen."

Zitat aus dem Buch 'Modigliani, mon amour' von Olivia Elkaim

Der große Modigliani als ewiger Fixstern

Elkaims Fiktion orientiert sich an den Fakten der historischen Biografien, lotet dazwischen jedoch aus, was der emotionale Bruch mit ihrer Familie, die Aufgabe einer geordneten Existenz und das vernachlässigte eigene Kunststreben für Jeanne Hébuterne bedeutet haben. Packend ist dieser Roman da, wo er Jeannes innerstes Erleben, die existenziellen Abgründe während Modiglianis Agonie beschreibt sowie ihre wachsende seelische Vereinsamung.

Die innige Beziehung zwischen Jeanne und ihrem Bruder André, dessen Fürsorge sich in tiefe Verachtung für sie verwandelt, während er verbittert von den Fronteinsätzen heimkehrt, spielt eine wichtige Rolle. Bis zuletzt führt sie mit André innere Dialoge, das gemeinsame Zimmer ihrer Kindheit wird zur Todeszelle. Der große Modigliani ist ihr ewiger Fixstern, bis hinein ins künstlerische Testament. Doch diese Jeanne Hébuterne bleibt dem Leser im Gedächtnis: als tragische Anna Karenina der Pariser Bohème.

"Ich male so besessen wie er früher. Vier Bilder, wie in Trance, in weniger als zwei Tagen, ohne zu essen und zu schlafen, ausgeführt von einer Hand, die wie losgelöst von meinem Körper und meinem Geist keinem erkennbaren Gedanken Form verleiht. Worte bedeuten mir nichts mehr. Nur Farben sagen mir noch etwas. Die Wärme von Ocker und Rot-Orange, aufgehelltes Taupe. Amedeos Farben."

Zitat aus dem Buch 'Modigliani, mon amour' von Olivia Elkaim

Olivia Elkaim: "Modigliani, mon amour"aus dem Französischen von Judith Petrus
Verlag Ebersbach & Simon, Berlin 2018, 208 Seiten, 20,- € (Original: Je suis Jeanne Hébuterne, Éditions Stock, 2017)


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