Bayern 2


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Brauner Spuk Schloss Nymphenburg in der NS-Zeit

Michael Zametzer berichtet über die Zeit, in der die Nazis Schloss Nymphenburg vereinnahmten. Die NS-Bonzen speisten von Nymphenburger Porzellan wie die bayerischen Könige und ließen in der "Nacht der Amazonen" hüllenlose Revue-Girls auf Pferden der SS durch den Schlosspark reiten.

Von: Michael Zametzer

Stand: 24.03.2018 | Archiv

Schloss Nymphenburg zeigt sich heute wieder in seiner ganzen barocken Pracht - wie seit Jahrhunderten. Mitte der 1930er Jahre bot sich den Besuchern dieser Sehenswürdigkeit indes ein anderer Anblick: Links und rechts vom Mittelbau wehten zwei riesige Hakenkreuzflaggen.

Vom Königsschloss zum Nazi-Protz-Objekt

Die neuen braunen Schlossherren verlieren keine Zeit. Sie vereinnahmen den früheren Sommersitz der bayerischen Kurfürsten respektive Könige und beginnen das barocke Juwel in ihrem Ungeist einzubeziehen. Allen voran Christian Weber, Hitlers Duzfreund, einst SA-Schläger, jetzt berüchtigter Nazi-Funktionär, SS‑Brigadeführer - und eigentlicher Herrscher Münchens. Der passionierte Jäger und Pferdenarr will sich ein Denkmal setzen: ein "Deutsches Jagdmuseum".

Selbst vor der Gruft des Klosters vom Orden der Maria Ward, im Nordflügel von Schloss Nymphenburg, machten die Nazis nicht halt. Die Särge mit den sterblichen Überresten von Ordensmitgliedern mussten einem Bierkeller weichen. | Bild: BR

Die Särge mit toten Nonnen des Klosters vom Orden der Maria Ward, im Nordflügel von Schloss Nymphenburg, mussten einem Bierkeller weichen.

Dafür verlieren die "Englischen Fräulein" vom Orden der Maria Ward ihre Kloster- und Internatsräume im Nordflügel des Schlosses. Auch ihre Schule wird geschlossen. Unter Tränen und Gebeten sehen sie hilflos ihrer Enteignung zu. Selbst vor der Gruft des Klosters machen die Nazis nicht halt. - Missliebige Gewächse wie weiße und blaue Hortensien müssen bald schon Salat, Wirsing und Kohlkopf weichen. Zwangsarbeiter steigern die Erträge der Schlossgärtnerei. Alle Gebäude erhalten einen Tarnanstrich.

Schloss Nymphenburg unterm Hakenkreuz

"Wenige Nazis hatten eine Affinität zur Aristokratie, aber alle hatten das Bedürfnis, aufzusteigen, und das zu überformen, braun zu überformen mit dem Hakenkreuz, Christian Weber, der Lokalmatador Münchens, hat immer eine große Affinität zu Nymphenburg gehabt, zu Pferdesport, es war ja auch ein adeliges Metier, und die wollten von Nymphenburg Besitz ergreifen als Festort und Feierort, das haben sie auch geschafft."

(Albrecht Vorherr, langjähriger Kastellan von Schloss Nymphenburg)

Christian Weber

Christian Weber hält eine Rede bei der Eröffnungsfeierlichkeit für das Deutsche Jagdmuseum in München, 1938

Geboren 1883 in Polsingen, Mittelfranken. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen. Gelernter Pferdeknecht. Nach dem Weltkrieg enttäuscht und entwurzelt. Hausknecht in einer Münchner Absteige. Seit 1921 Mitglied der NSDAP. Saalschutz. SA. Duzfreund Hitlers.

Der Name Christian Webers ist aufs Engste verbunden mit den Ereignissen um Schloss Nymphenburg in der Nazizeit. Und - er gehört ohne Zweifel zu den widerwärtigsten Figuren der an Widerwärtigem nicht armen NS-Zeit in München.

Weber gehörte zum Kreis der "Alten Kämpfer", war schon 1921 in die NSDAP eingetreten. Bis 1933 musste er sich insgesamt 152mal vor Gericht verantworten, meist wegen Körperverletzung oder Raub. Nach der Machtübernahme 1933 war seine Akte sauber. Weber wurde Stadtrat, Ratsherr. Bei den Münchnern war er berüchtigt, ja verhasst, wegen seiner Brutalität und Gier.

Wie die bayerischen Könige speisten nun NS‑Bonzen von Nymphenburger Porzellan. In der "Nacht der Amazonen", einer gigantischen Freilichtbühnenshow, ritten hüllenlose Revue-Girls auf Pferden der SS durch den Schlosspark ...

Die "Nacht der Amazonen"

Plakat für die auf Anregung von Christian Weber organisierte "Nacht der Amazonen" im Nymphenburger Park in München

"Für zweieinhalb Stunden reihte sich Szene an Szene im zauberhaften Park hinter dem Nymphenburger Schloss, dem Zuhause der früheren bayerischen Könige. Über einhundert praktisch nackte Mädchen nahmen teil, 700 Pferde und 2000 Darsteller - darunter viele SS-Wachen, getarnt mit romantischen Kostümen des 17. Jahrhunderts.

Die Mädchen und Schauspieler tanzten und formten lebende Bilder, um den Glanz des höfischen Lebens früherer Tage zu zeigen. Einige der Mädchen, in knappste Höschen gekleidet, hielten, als Amazonen ohne Sattel auf Pferden sitzend, Speere in den Händen. Andere, in Höschen und mit Schmetterlingsflügeln an den Armen, tanzten im Gras - im grellen Schein mächtiger Suchscheinwerfer.

Mädchen, mit nichts als Silberfarbe am Leib, posierten auf von Pferden gezogenen Wagen, zusammen mit nackten Göttinnen. Diana, die Göttin der Jagd; die Amazonenkönigin, einen großen Federhelm tragend; Venus, die Göttin der Liebe, silbrig angemalt vor einer Muschel stehend; eine chinesische Tempelgöttin. Die Polizei konnte die Massen außerhalb des Geländes zeitweise kaum bändigen." (Ernest R. Pope, New Yorker Korrespondent, berichtet von der ersten Aufführung 1936)

Und trotzdem: Mitten im braunen Spuk von Nymphenburg bildet sich genau dort eine Widerstandsgruppe …

"Schmied von Kochel"

Im Herbst 1937, etwa zu der Zeit, in der die Englischen Fräulein ihr Internat, Ihre Kirche, beinahe ihre Existenz verlieren, tauchen überall im Süden Bayerns Flugblätter auf:

"Denkt nach! Was waren einst Hitler, Hess, Himmler - Was waren Göring, Ribbentrop, der bayerische Minister Wagner, Schmid, Baldur von Schirach, Fiehler, Weber, Christian usw. usw.: Wer von diesen Bonzen hat keine Villa, kein Landgut, kein Auto etc.? Woher, woher haben diese Großbonzen das Geld für ihren Luxus? Antwort an den Schmied von Kochel."

Schmied von Kochel - der Name des sagenhaften bayerischen Aufständischen gegen die österreichische Besatzungsmacht im Spanischen Erbfolgekrieg. Hinter diesem "Schmied von Kochel" verbirgt sich eine Organisation, die später als "Harnier-Kreis" bekannt wird, benannt nach dem Adeligen Adolf von Harnier, einem der Führer der Gruppe.

Doris Fuchsberger und Albrecht Vorherr

Albrecht Vorherr war langjähriger Kastellan von Schloss Nymphenburg, die Autorin Doris Fuchsberger verbrachte ihre Schulzeit bei den "Englischen Fräulein" - zusammen haben sie das gespenstisch-skurrile Kapitel der Nymphenburger Schlossgeschichte in einem Buch ans Tageslicht gebracht. Das Bayerische Feuilleton von Michael Zametzer erzählt auch ihre Geschichte.

"Nacht der Amazonen" mit Autorin Doris Fuchsberger

Buchtipps:

Schloss Nymphenburg unterm Hakenkreuz

  • Autoren: Doris Fuchsberger und Albrecht Vorherr
  • Broschiert: 160 Seiten
  • Verlag: Allitera Verlag; Auflage: 1. Auflage (28. April 2014)
  • ISBN-10: 3869066059
  • ISBN-13: 978-3869066059


Nacht der Amazonen - Eine Münchner Festreihe zwischen NS-Propaganda und Tourismusattraktion

  • Autorin: Doris Fuchsberger
  • Taschenbuch: 244 Seiten
  • Verlag: Allitera Verlag; Auflage: 1 (20. September 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3869068558
  • ISBN-13: 978-3869068558


Die Nacht der Amazonen - Roman

  • Autor: Herbert Rosendorfer
  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag; Auflage: 1st Edition (1. Juni 1992)
  • ISBN-10: 3423115440
  • ISBN-13: 978-3423115445

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