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Gliptine und Gliflozine Neuere Medikamente bei Diabetes Typ 2

Inzwischen gibt es erste Langzeitstudien zu einigen Antidiabetika, die bereits seit gut zehn Jahren auf dem Markt sind, zu den so genannten Gliptinen. Doch die neue Datenlage wirft neue Fragen auf: Nutzen wirklich alle Gliptine? Oder können manche sogar schaden?

Von: Katharina Hübel

Stand: 05.02.2019

Eine Packung des Diabetiker-Medikaments Xelevia, das zu den Gliptinen gehört. | Bild: picture-alliance/dpa

Gliptine: Rund zehn Jahre alt

Die Gliptine hätten in Studien nachgewiesen, dass sie die Wirkung des körpereigenen Insulins verbessern, dass sie wie ein Katalysator wirken, so der Diabetologe Arthur Grünerbel. Gliptine unterstützen ein Darmhormon, genauer: bremsen seinen Abbau. So kann es in der Bauchspeicheldrüse die Freisetzung von Insulin anregen. Wenn man die Betazellen schonen möchte, dann würde man beispielsweise ein Gliptin nehmen, empfiehlt Arthur Grünerbel. Allerdings sind die Gliptine nicht kritikfrei.

Kritik an den Gliptinen

Manche Ärzte sehen es kritisch, dass die Langzeitstudien zu Gliptinen nicht belegen konnten, dass sie einen Effekt auf die Spätzeitfolgen haben. Sie konnte nicht beweisen, dass es durch sie weniger Herzinfarkte oder Herz-Kreislauferkrankungen gibt, weniger Erblindung, weniger Dialyse, weniger Amputationen oder gar weniger Sterblichkeit.

Auch das IQWiG, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin hat sich inzwischen mit diesen Medikamenten befasst:

"Wenn man eine Welt hat mit Gliptin und eine Welt ohne Gliptin, dann hätte man sicher keinen Vorteil bezogen auf Folgekomplikationen wie Herzinfarkt oder Sterblichkeit. Diesen Anhalt geben die Studien zu Saxagliptin und Sitagliptin auf keinen Fall. Im Gegenteil. Man muss die Ergebnisse sehr ernst nehmen, dass für beide Gliptine negative Ergebnisse herausgekommen sind. Ich finde, dass man sehr zurückhaltend sein sollte, Gliptine einzusetzen, bei denen in Endpunktstudien sogar negative Ergebnisse zeigen."

Dr. Thomas Kaiser, Ressortleiter Arzneimittel IQWiG

Warnhinweise auf Saxagliptin und Sitagliptin

Die US-Arzneibehörde FDA hat 2016, nachdem die Hersteller für Sitagliptin und Saxagliptin Langzeitstudien vorgelegt haben, einen Warnhinweis für Saxagliptin verfügt, dem sich auch das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte angeschlossen hat: Die Behandlung mit Saxagliptin kann das Risiko auf Herzinsuffizienz erhöhen, insbesondere, wenn die Patienten bereits unter Herz- oder Nierenerkrankungen leiden. Sitagliptin erhöht das Risiko, dass die Netzhaut im Auge erkrankt. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen empfiehlt zurückhaltend zu sein bei Gliptinen, für die in Langzeitstudien negative Ergebnisse herausgekommen sind.

Nutzen von Saxagliptin und Co.

Dennoch dürfen Gliptine weiterhin verkauft werden, da der Nutzen die Risiken überwiege, so das Urteil des Bundesinstituts. Vorteile der Gliptine seien:

  • Blutzuckersenkung ohne das Risiko, Unterzucker zu provozieren
  • gute Verträglichkeit
  • keine Gewichtszunahme

Neueste Antidiabetika: Gliflozine

Forscher haben erkannt, welch wichtige Rolle die Glucose-Ausscheidung in der Niere spielt. Diese Erkenntnisse haben eine ganz neue Generation von Antidiabetika möglich gemacht. Gliflozine funktionieren so, dass das SGLT2 gehemmt wird, daher heißen sie auch STLG2-Hemmer. STLG2 bedeutet Natrium-Glucose-Cotransporter 2. Dieser ist in der Niere dafür verantwortlich, die Glucose zu resorbieren. Der Effekt: Wer die Tabletten nimmt, scheidet mehr Glucose über den Harn aus, der Blutzuckerspiegel sinkt. Handelt es sich z.B. um einen Patient, der an Herzinsuffizienz oder Herzgefäßerkrankungen leidet, würde man Medikamente aus der Gruppe der sog. SGLT2-Hemmer (genannt Gliflozine) verordnen. Für den Wirkstoff Empagliflozin liegt eine Langzeitstudie vor, die zeigt, dass diese Patientengruppe wesentlich länger verschont bleibt von einem Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Nur Empagliflozin sicher unbedenklich

Allerdings weist das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen auf Anfrage des Gesundheitsgesprächs darauf hin, dass lediglich das Empagliflozin sicher unbedenklich sei. Positiv sieht Dr. Thomas Kaiser, Ressortleiter Arzneimittel beim IQWiG, dass der Hersteller von Empagliflozin auch gleich zur Zulassung eine Langzeitstudie vorweisen konnte. Aber das sei nicht bei allen Glifozinen so.

Doch auch hier ist mit Nebenwirkungen zu rechnen:

  • Vermehrtes Wasserlassen
  • Durst
  • Hypoglykämie, wenn Gliflozine mit anderen Medikamenten kombiniert werden
  • Infektionen und Entzündungen des Urogenitaltrakts

Warnung vor Canagliflozin

Andere Gliflozine haben teilweise besondere Nebenwirkungen. Für Canagliflozin gibt es eine "ganz explizite Warnungen der Zulassungsbehörde, weil unter der Gabe öfter Amputationen beobachtet wurden", informiert Thomas Kaiser vom IQWiG.

Wird die Lebensqualität besser?

Es steht also nicht nur in Frage, ob alle Antidiabetika die Folgekomplikationen der Krankheit abmildern oder verhindern helfen. Fraglich ist auch, ob die Lebensqualität der Patienten verbessert wird.

"Was für uns sehr wichtig ist, aber bisher in den Studien zu den Antidiabetika gar nicht untersucht wird, ist: Wie verändern die Antidiabetika eigentlich die Symptome von hohem Blutzucker, also Schlafstörungen, Konzentrationsstörung, Harndrang und ähnliches? Da fehlt uns im Diabetesbereich völlig die Datengrundlage. Diese Kriterien spielen auch für die Zulassung keine Rolle. Das sehen wir kritisch."

Thomas Kaiser, Ressortleiter Arzneimittel IQWiG

Fazit

Die Diabetestherapie ist sehr individuell. Der Nutzen und die Risiken der Antidiabetika müssen vom Arzt für jeden Patienten einzeln abgewogen werden. Grundsätzlich lohnt sich ein Blick in die Studienlage zu den einzelnen Medikamenten. Besonders interessant ist, ob bereits Langzeitstudien vorliegen.


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