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Therapie des Typ-1-Diabetes Neue Behandlungen bei Diabetes Typ 1

Bei Typ-1-Diabetikern ist der Blutzucker zu hoch, weil der Körper kein Insulin mehr produzieren kann. Sie müssen sich ihr Leben lang kontinuierlich das Hormon spritzen, entweder mithilfe eines Pens oder einer Pumpe.

Stand: 29.03.2016

Bei Diabetes Typ-1 gehört das tägliche Spritzen von Insulin meist zum Alltag - im Bild: Mädchen hält einen Insuli-Stift | Bild: picture-alliance/dpa

Diabetes stellt als chronische Erkrankung die ganze Familie vor eine enorme Herausforderung, doch die lässt sich meistern.

Errungenschaft

In den letzten 20 bis 30 Jahren konnten die Komplikationen bei Diabetes Typ 1 durch neue Techniken und Erkenntnisse der Insulin-Ersatz-Therapie beträchtlich gesenkt werden. Die Folge: Mittlerweile haben Kinder mit Diabetes nahezu dieselbe Lebenserwartung wie Nicht-Diabetiker, sie können Extremsport machen, tauchen oder klettern. Inzwischen leben viele Erwachsene bereits 50 bis 60 Jahre ohne Komplikationen mit Diabetes.

Blutzuckergedächtnis

Ob eine Diabetes-Therapie langfristig wirksam ist oder nicht, hängt ganz entscheidend von der ersten Zeit ab. Vor allem die ersten fünf Jahre der Behandlung mit Insulin sind entscheidend, da der Körper ein sogenanntes Blutzuckergedächtnis hat. Werden Kinder und Jugendliche in den ersten fünf Jahren gut eingestellt, profitieren sie ihr ganzes Leben davon - es lohnt sich also, sich am Anfang anzustrengen.

Forschungsrichtung

Momentan arbeiten Forscher daran, eine künstliche Bauchspeicheldrüse zu entwickeln, die automatisch genügend Insulin ausschüttet und den Blutzucker kontrolliert, ohne dass man von außen eingreifen muss. Dabei zeichnen sich zwei Wege ab:

Computertechnik
Auf der einen Seite versucht man computertechnisch die Bauchspeicheldrüse zu ersetzen. Dabei soll eine Pumpe nicht nur Insulin abgeben, sondern gleichzeitig soll ein Sensor den Blutzucker messen. Der Patient muss gar nichts tun. Solche Systeme gibt es bereits, aber sie funktionieren noch nicht perfekt.

Organspende
Daneben wird daran geforscht, entweder die Bauchspeicheldrüse insgesamt, oder die Insulin-produzierenden Zellen des Organs zu transplantieren. Das Hauptproblem dabei ist die Abstoßungsreaktion, die sich nur mithilfe von Medikamenten eindämmen lässt, die erhebliche Nebenwirkungen haben. Außerdem versuchen Wissenschaftler, die Insulin-produzierenden Zellen in einer Art Kapsel unterzubringen, sodass sie vom Immunsystem nicht als Feinde erkannt werden. Ein Routineverfahren ist das jedoch noch nicht.

Chance

Die frühe Erkennbarkeit von Diabetes Typ 1 beinhaltet eine große Chance: Schon bevor das Kind oder der Jugendliche einen erhöhten Blutzuckerspiegel hat, können Patient und Angehörige ihre Aufmerksamkeit schulen und verhindern, dass es - wie derzeit noch häufig - zu schweren Blutzucker-Entgleisungen kommt. Wer weiß, dass er betroffen ist, kann vorbeugen und sich bereits im Vorfeld mit Diabetes vertraut machen: Die bei der bayerischen Fr1da-Studie positiv getesteten Kinder und ihre Angehörigen erhalten eine Schulung, in der sie u. a. lernen, den Blutzuckerspiegel zu bestimmen und auf typische Symptome zu achten. Dies soll z.B. dazu beitragen, Stoffwechselentgleisungen und damit einen Krankenhausaufenthalt zu umgehen, denn dann ist gegebenenfalls eine ambulante Behandlung möglich. Neue Therapien werden derzeit erprobt, um das Fortschreiten der Diabeteserkrankung zu verhindern.

Typ 1 Diabetes vorbeugen

Eine sichere Prävention für Typ-1-Diabetes gibt es bisher noch nicht. Das große Ziel der Wissenschaftler ist es, das Immunsystem so zu trainieren , dass die Krankheit verhindert wird – oder zumindest nicht fortschreitet. In dem Zusammenhang forscht man an sogenannten Antigen-Therapien, es handelt sich um eine Art Desensibilisierung. Um das dafür günstigste Zeitfenster in den ersten Lebensjahren nutzen zu können, können alle Eltern in Bayern und Sachsen ihr Baby bis zum Alter von vier Monaten auf das Risiko, Typ-1-Diabetes zu entwickeln, testen lassen. Kinder mit mindestens 25-fach erhöhtem Risiko bieten die Wissenschaftler den Familien die Teilnahme an der Präventionsstudie POInT (Primary Oral Insulin Trial) an. Die Kinder nehmen bis zum dritten Geburtstag täglich eine kleine Menge Insulinpulver (oder Placebo) mit der Nahrung ein. So soll das Immunsystem lernen, dass Insulin keine Struktur ist, die es bekämpfen muss. Denn der Botenstoff Insulin ist häufig eines der ersten Ziele der fehlgesteuerten Immunreaktion.

Antigen-Therapie

Dabei wird ähnlich wie bei der Desensibilisierung (bei Allergikern) versucht, die Patienten über einen längeren Zeitraum an die Protein-Bausteine (Antigene) zu gewöhnen, die auf der Bauchspeicheldrüse produziert werden.

"In unserer Vorläufer-Studie PrePOInT mit Risikokindern (d.h. Angehörigen von Typ-1-Diabetikern im Alter von zwei bis sieben Jahren) konnten wir mit oral verabreichtem Insulinpulver die gewünschte Reaktion im Immunsystem beobachten. Ob sich die Krankheit dadurch verhindern lässt, konnte diese Untersuchung aufgrund der relativ kleinen Teilnehmerzahl (25) noch nicht belegen. Aber sie bestätigte unsere bisherigen Erfahrungen, dass oral verabreichtes Insulinpulver keine unerwünschten Nebenwirkungen hat, vor allem nicht auf den Blutzuckerspiegel.“"

Prof. Anette-Gabriele Ziegler

Medikamente

Daneben gibt es Studien, die untersuchen, ob sich Medikamente, die bisher nur bei Diabetes-Typ-2-Patienten erfolgreich waren, auch für Typ-1-Diabetiker eignen. Das Prinzip dahinter: Diese Medikamente können helfen, den Blutzucker einzustellen, sie glätten das Profil des Blutzuckerspiegels. In manchen Studien wird auch untersucht, ob es Sinn macht, Insulin und Medikamente zu kombinieren, doch das ist noch keine Standardtherapie.


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