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Plädoyer für Mitmenschlichkeit "Die Balkanroute" von Najem Wali

Der irakische Autor hat die Balkanroute bereist und geht in seinem Buch weit über die aktuelle Situation hinaus, beschreibt "Fluch und Segen" des jahrtausendealten Weges für die Kulturen. Walis „Balkanroute“ sei allen empfohlen, die sich wirklich ein Bild machen wollen. Das Buch ist ein starkes Plädoyer für Mitmenschlichkeit und ein Hinweisgeber dafür, wie Europa es in Zukunft besser machen kann …

Von: Mirko Schwanitz

Stand: 22.01.2018

Buchcover "Die Balkanroute" von Najem Wali | Bild: Matthes & Seitz, Montage: BR

Najem Wali

Viel ist in den letzten beiden Jahren über die Balkanroute publiziert worden. Braucht es da noch ein weiteres Buch? Was ist all dem Gesagten, Geschriebenen und Beschriebenen noch hinzuzufügen? Viel, wie das Buch des deutsch-irakischen Autors Najem Wali zeigt. Denn anders als die meisten Journalisten und Beobachter macht sich Najem Wali selbst auf den Weg, den die meisten Flüchtlinge genommen haben – allerdings in entgegengesetzter Richtung. Von Nord nach Süd.  

"Ich wusste nicht, dass die Reise, die ich angetreten hatte, um die aufwühlenden Geschehnisse selbst zu bezeugen und zu dokumentieren, in eine andere Richtung verlaufen und ganz woanders enden würden. Dabei fiel mir auf, dass jeder gegenwärtige Schritt auf der Balkanroute ein Echo auslöste, das aus einem unsichtbaren Resonanzraum zu kommen schien, dem Resonanzraum der Vergangenheit."

Aus dem Buch

Ur-Weg aller Flüchtlingsrouten

Eindrucksvoll schildert Wali Reisen berühmter Vorgänger auf der Balkanroute. Etwa die von Ibn Batutti, John Dos Passos’ und Hans Christian Andersen. Und er entdeckt unter dem Staub, den seine Schritte an  all den besuchten Orten  aufwirbeln, ob in Idomeni, Izmir oder Istanbul, Fußabdrücke aus vergangenen Jahrhunderten. Diesen kaum mehr sichtbaren Spuren folgt Najem Wali. Und plötzlich offenbart sich ihm die Balkanroute als Ur-Weg aller Flüchtlingsrouten.

"Wenn ich über dieses Route schreibe, dann will ich nicht nur über die Flüchtlinge von heute schreiben. Weil, auf dieser Route kamen immer Leute und so habe ich mich angefangen zu beschäftigen mit der Route und so kam ich zu dieser Ur-Geschichte. Was ist mit Abraham?  Er ist ausgewandert aus dem Süd-Irak, es war auch Krieg und er ist mit einem kleinen Teil seiner Familie geflohen Richtung Norden."

Najem Wali

Wali geht weit zurück

Das älteste, der Menschheit bekannte Epos, das babylonische Gilgamesch – für ihn eine Fluchtstory. Homers  „Odyssee“ – eine Geschichte des Auswanderns. All die nachfolgenden Könige, von Hammurabi bis Alexander dem Großen, haben sie nicht alle mit Vertreibung und Annexionen Politik gemacht? Es sind diese Spuren, die ihn am Ende zu zur Urgestalt von Bibel, Koran und Thora führen, zu Abraham, dem „Ahn“ der Propheten Moses, Jesus und Mohammed.  Seine Wanderung scheint ihm durch die Zeiten zu schimmern wie ein Muster für die folgenden Jahrtausende.

"… Jahrtausende, geprägt durch die Gezeiten von Zu- und Wegzug, durch Flucht und Bewegung. Flucht als Synonym für die eigene Rettung vor natürlichen oder gesellschaftlichen Bedrohungen, vor Hungersnot, Krieg oder Verfolgung … als lebensrettende letzte Ratio. Und gleichzeitig alles, was sich damit an Bedeutungen assoziieren lässt: Weggehen und Heimkehr, Abbrechen und Aufbauen, Zurücklassen und Mitsichtragen. All diese Motive, ihre Antriebe und ihre Konsequenzen scheinen in dieser Urszene der menschlichen Zivilisation auf und werden uns auf der Balkanroute und in ihrer Geschichte immer wieder begegnen."

Aus dem Buch

Bilder voll Bitternis und Nüchternheit

So folgt der Leser im ersten Teil des Buches Abraham und seinem Bruder. Er sieht Sodom und Gomorra brennen, sieht die christlichen Kreuzfahrer im Heiligen Land brandschatzen, all die Ereignisse, die immer und zu jeder Zeit Flüchtlingsbewegungen auf der Balkanroute in Gang setzten. Der historische Exkurs  wird zum Humus, in dem der zweite Teil des Buches Wurzeln schlägt und Bilder voll Bitternis und Nüchternheit austreibt. Etwa, wenn Wali über seine Erfahrungen als ehrenamtlicher Dolmetscher im Lager Idomeni schreibt.

"Abu Muhammad, ist ein Mann von Mitte sechzig, aus dessen Gesicht die Auszehrung spricht. „Abu Muhammad muss in Deutschland mit einem weisen Politiker zusammentreffen.“ Und warum, frage ich ihn. Um diesem zu sagen, dass auch sie ihre Schuld anerkennen müssen, denn ohne den Waffenhandelt würde es bei ihnen nicht all diese Milizen geben, all diese Kriege. Westliche Waffen seien überall und an allen Fronten im Einsatz. „Die Waffen werden frei verkauft, doch ihr Ursprungsort ist Europa.“"

Aus dem Buch

Spannender geschichtlicher Rückblick

Es ist die Symbiose aus spannendem geschichtlichem Rückblick und präziser Schilderung der eigenen Erlebnisse, die dem Buch von Najem Wali eine nachdenklich machende Kraft verleihen. Wali war selbst Flüchtling. Er weiß, wovon er schreibt. Er will und kann kein distanzierter Beobachter sein.

"Wir hören jeden Tag Nachrichten. Wie heißen die Leute in Katalonien jetzt: Separatisten. Und ich weiß, wie man Assad nennt. Einen Diktator, der Diktator Assad. Wenn man von Saudi-Arabiens Herrscher redet, sagt man: Der König. (lacht) Für mich, beides sind totale Regime. Also diese Distanz, die man meint, hier bei uns in Deutschland, die ist nicht immer wahr."

Najem Wali

Plädoyer für Mitmenschlichkeit

Wali geht ins Detail, berichtet von den Organisationsstrukturen der Lager, überforderten Beamten, ihrer Aufgabe nicht gewachsenen Helfern. Es ist das Recht des Autors mit den Experten der Verwaltung des Elends, wie er sie nennt, ins Gericht zu gehen. Auch wenn diese Stellen, weil oft zu undifferenziert, die schwächsten im Buch sind. Walis „Balkanroute“ sei allen empfohlen, die sich wirklich ein Bild machen wollen. Jenen die „Ausländer raus!“ rufen und Flüchtlingsbusse bespuckten ebenso, wie jenen, die unseren Kontinent auf neue Flüchtlingswellen vorbereiten müssen. „Die Balkanroute“ ist ein starkes Plädoyer für Mitmenschlichkeit und ein Hinweisgeber dafür, wie Europa es in Zukunft besser machen kann …


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