Bayern 2


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Wer bin ich eigentlich? Eine junge Frau puzzelt ihr Leben zwischen Indien und Bayern zusammen

Wer Anna Mangala Bhandari nach ihrer Lebensgeschichte fragt, braucht Zeit. Viel Zeit. Sie ist in Indien geboren und wurde als Kind adoptiert. Von zwei Frauen. Unsere Autorin hat sie in ihrem Restaurant in Markt Schwaben besucht.

Von: Kerstin Welter

Stand: 09.10.2018

Eine junge Frau zwischen Indien und Bayern | Bild: Kerstin Welter

8.500 Kilometer entfernt von Indien ruckelt die S-Bahn durch Münchner Vororte nach Markt Schwaben. Ich bin auf dem Weg zu Anna Mangala Bhandari, der Wirtin des lokalen indischen Restaurants. Sie, das hat mir eine Freundin erzählt, hat Filmreifes erlebt, das müsse ich mir anhören.
Anna Mangala Bhandari sieht – trotz ihrer dunkleren Haut und der orangenen Tunika - nicht aus wie aus einem Bollywood Film. Sie trägt Kurzhaarschnitt und eine Brille zum roten Punkt auf der Stirn und hat eine ganz pragmatische Art zu reden, die vielen Armreifen klimpern nachdrücklich. Sie führt mich herum: Mehr als fünfzig Leute passen in den Gastraum und so langsam beginnen die Vorbereitungen fürs Mittagsgeschäft.

Mother India heißt das Restaurant, "Mutter Indien". Anna Bhandaris Mann Vishan führt es seit fast acht Jahren. Sie ist mittlerweile eingestiegen, quasi als Oberkellnerin, Stammgäste-Managerin und Lieferantin für Gesprächsstoff.

"Jeder fremde Gast fragt sofort: Boah, wieso sprechen Sie so gut Deutsch? Das Gleiche ist bei meinem Mann auch, aber bei dem merken sie schon, dass da so ein bisschen indischer Akzent dabei ist, also, dass er nicht so ganz klar spricht wie ich. Inzwischen sage ich: Ja, ich hab eine spezielle Geschichte und dann frag ich auch, ob die Leute Zeit haben zum Zuhören. Dann geb ich so kurze Stichwörter: ja, adoptiert von zwei Frauen und dann: Ohhh. Wie? Vier Kinder haben die zwei Frauen adoptiert?? Und dann kommt immer eine Frage nach der anderen. Automatisch wird’s immer länger, das Gespräch."

Anna Bhandaris

Ist aber auch klar, bei all dem, was Anna Mangala mit 37 Jahren schon erlebt hat. Bei ihrer Geburt, 1981 in Südindien, hieß sie nur Mangala – Anna kam dazu, als sie mit drei Jahren adoptiert wurde und nach Deutschland kam. Auf den ersten Blick ist sie trotzdem immer: Inderin.

"Jetzt find' ich's schon gut, weil das so optimal passt zu unserem indischen Restaurant. Und weil ich auch das Indische jetzt mehr bei mir integriert habe und mich mehr damit beschäftige, jetzt ist es in Ordnung. Aber die erste Zeit, auch als Jugendliche, Kind, wenn immer die Leute fragen: Ja, wo kommst Du denn her? Ja, was is passiert? Und wie ist es, wenn man adoptiert ist und und und. Dann ist das immer so ein doofes Gefühl. Manchmal."

Anna Bhandaris

Nichts ist eindeutig in dieser Geschichte, das merke ich schnell – Anna Mangalas Leben zwischen zwei Kontinenten spielt in Zwischentönen. Sie verbindet Hinduismus mit Katholikentum. Sie liebt Sauerkraut - und die würzigen Tempura-Garnelen ihres Mannes. Sie hat ihr Leben in Hessen und Bayern verbracht – und erklärt das komplexe Indien.

Aber wie hat eigentlich alles angefangen? Von wem, warum, woher? Viele Ungewissheiten. Sie haben dazu geführt, dass sich Anna Mangala Bhandari nach 35 Jahren aufgemacht hat, um ihren Ursprung zu suchen.


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