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Therapie Wie kann MS behandelt werden?

Im Bereich der MS-Therapie muss unterschieden werden zwischen der Behandlung eines akuten Schubes und der Therapie zur Unterdrückung des Immunsystems.

Stand: 08.05.2019

Die verschiedenen Verlaufsformen von MS in der grafischen Darstellung | Bild: picture-alliance/dpa

Behandlung eines akuten Schubes

Ein akuter MS-Schub wird in der Regel kurz (drei bis fünf Tage), aber in hoher Dosierung mit Kortison-Infusionen behandelt. Das Mittel hat einen entzündungshemmenden Effekt, sodass der Schub abklingt und sich die MS nicht oder zumindest langsamer weiter entwickelt. Durch diese sogenannte Pulstherapie werden die negativen Auswirkungen einer längerfristigen Kortisonbehandlung (Gewichtszunahme, Knochenschwund) vermieden. Doch die Nebenwirkungen können erheblich sein: Von grippeähnlichen Symptomen und Bluthochdruck bis zu Psychosen und Blutzuckerentgleisung.

Aber: Einen positiven Einfluss auf die Langzeitentwicklung der MS hat eine solche Behandlung der akuten Schübe nicht.

"Wenn man bei 100 Patienten jeden MS-Schub jedes Mal mit Kortison behandelt und sie dann mit 100 MS-Erkrankten vergleicht, bei denen kein einziger Schub jemals mit Kortison behandelt wurde, dann ist nicht wirklich gesichert, dass die Gruppe, die behandelt wurde, unbedingt im Langzeitverlauf besser da steht. Dennoch wird die Schubtherapie mit hoch dosiertem Kortison international fast immer empfohlen und durchgeführt, weil sie erwiesenermaßen diese unangenehme Phase mit akuten Symptomen verkürzen kann."

Prof. Reinhard Hohlfeld.

Immunmodulation und Immunsuppression

Die grafische Darstellung zeigt normale Nervenzellen, beschädigte Umhüllungen der Nervenzellen sowie wiederhergestellte Umhüllungen.

Zur Regulierung des Immunsystems (Immunmodulation) und zur Unterdrückung unerwünschter Reaktionen der körpereigenen Abwehr (Immunsuppression) bei MS gibt es eine ganze Reihe wirksamer Medikamente.

  • Die Interferon-Beta-Präparate: Interferon ist ein Hormon, das der Körper bei jedem Infekt auch selbst ausschüttet.
  • Das Mittel Copaxone mit dem Wirkstoff Glatirameracetat.
  • Orale Medikamente: Teriflunomid (Aubagio), Dimethylfumarat (Tecfidera), Fingolimod (Gilenya) und Cladribin (Mavenclad)
  • Monoklonale Antikörper: Natalizumab (Tysabri), Alemtuzumab (Lemtrada), Ocrelizumab (Ocrevus)

Diese Medikamente reduzieren die Schubrate. Die komplexe Wirkung solcher Mittel auf das Immunsystem ist bislang nicht im Detail erforscht.

"Die Daumenregel heißt leider: Je wirksamer diese Therapie auf den Autoimmunprozess wirkt, umso höher sind die möglichen Risiken. Die müssen nicht eintreten, aber man muss sehr aufpassen, deswegen dürfen die Medikamente nur mit einem sehr sorgfältigen Sicherheitsbegleitprogramm angewandt werden."

Prof. Reinhard Hohlfeld.

"Eskalation" der Therapie

Bei besonders aktiven Verlaufsformen der MS, oder wenn die Basistherapie nicht ausreicht, kommen stärkere Medikamente zum Einsatz. Sie verringern die Zahl der Schübe im Mittelwert um 50 bis 70 Prozent. Man spricht dann von einer sogenannten "Eskalation“ der Therapie. Diese Präparate bewirken allerdings wegen der stärkeren Dämpfung des Immunsystems auch ein erhöhtes Infektionsrisiko. Eines der Mittel (Tysabri mit dem Wirkstoff Natalizumab) kann sogar (in seltenen Fällen) eine manchmal tödliche Gehirnentzündung auslösen.

"Der Einsatz starker Medikamente ist immer eine Abwägungssache. Je aggressiver die MS, desto drastischer muss man dagegen vorgehen."

Prof. Reinhard Hohlfeld, Neuroimmunologe am Klinikum Großhadern

Progrediente MS

Bei mehr als der Hälfte der MS-Erkrankten verläuft die MS nicht schubförmig, sondern progredient (d.h. mit stetig zunehmender Behinderung). Es gibt eine häufige "sekundär progrediente" Form der MS (nach ca. zehn bis 15 Jahren) und eine seltene "primär progrediente" Form. Bei der sekundär progredienten MS ist der Verlauf anfangs noch schubförmig und erst danach stetig zunehmend, während bei der primär progredienten MS die Behinderung von Anfang an stetig fortschreitet. Im Gegensatz  zur schubförmigen MS gibt es für die progrediente MS bisher nur sehr begrenzte Therapiemöglichkeiten. Deswegen konzentriert sich die aktuelle MS Forschung ganz besonders auf die progrediente MS. Ein Zusammenschluss internationaler MS Gesellschaften (Progressive MS Alliance) fördert die Erforschung der propredienten MS ebenso wie die Deutsche MS Gesellschaft (DMSG).

An den Symptomen ansetzen

Neben der Regulierung des Immunsystems ist auch die Kontrolle der Symptome ein wichtiger Teil der Therapie, die sogenannte Symptomatische Therapie. Dazu können unter anderen folgende Maßnahmen gehören:

  • Schmerzbekämpfung
  • Linderung von Spastiken
  • Kontrolle der Blasenfunktion
  • Behandlung von Depressionen

"Die Kunst bei der Symptomtherapie liegt darin, die einzelnen Faktoren richtig gegeneinander abzuwägen. Das erfordert häufig viel Geduld, denn dabei muss oft einiges ausprobiert werden. Deshalb werden in diesem Bereich die Möglichkeiten nicht immer optimal ausgeschöpft."

Prof. Reinhard Hohlfeld


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