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Prager Frühling 1968 Münchner Schriftsteller helfen tschechischen Exilanten

Am 20. August 1968 überfielen Truppen des Warschauer Paktes die Tschechoslowakei und beendeten damit den Versuch der dortigen Politiker, einen demokratisch geprägten Sozialismus zu schaffen. Nach dem Ende des "Prager Frühlings" entstanden in ganz Westeuropa Hilfsorganisationen für tschechische Bürger im Exil. Dazu gehörte auch das "Büro für tschechoslowakische Kultur und Wissenschaft" in München, in dem in erster Linie Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler Unterstützung erhielten. Peter Becher erzählt die Geschichte des "fliegenden Büros" am Marienplatz.

Von: Peter Becher (BR 2008)

Stand: 15.08.2018 | Archiv

Sommer 1968. Zum ersten Mal konnten Menschen aus der Tschechoslowakei ohne Visum nach Deutschland fahren. Viele nutzten die Möglichkeit, das Wirtschaftswunderland zu bereisen, darunter auch Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler. Dies war ein Ergebnis der Reformpolitik Alexander Dubčeks, der zu Beginn des Jahres in Prag zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei gewählt worden war.

"Sozialismus mit menschlichem Antlitz"

Alexander Dubček

Die Politik des sogenannten "Prager Frühlings", die unter dem Schlagwort "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" bekannt geworden ist, schritt in den ersten Monaten des Jahres 1968 stürmisch voran. Zu den Reformvorhaben zählten die Rehabilitierung der Opfer der Stalinzeit, die Abschaffung der Zensur, das Entstehen einer kontroversen Öffentlichkeit und die Proklamation eines "Aktionsprogramms der Kommunistischen Partei", das die "Deformation des politischen Systems", die "Verquickung von Partei und Staatsleitung" kritisierte und ein "neues Modell der sozialistischen Demokratie" forderte. Wörtlich hieß es darin:

"Einem werktätigen Volk, dem keine Ausbeuterklasse mehr diktiert, kann man nicht durch willkürliche Auslegung der Macht vorschreiben, worüber es informiert sein darf und worüber nicht … Die gesetzmäßige Freizügigkeit der Bürger, insbesondere Reisen ins Ausland, müssen garantiert werden, wobei vor allem gelten soll, daß der Bürger Rechtsanspruch auf langfristigen und dauernden Aufenthalt im Ausland hat und niemand grundlos als Emigrant betrachtet wird."

(Aus dem 'Aktionsprogramm der Kommunistischen Partei')

Russische Panzer überfielen in einer Blitzaktion die Tschechoslowakei

Doch am 20. August, nach Einbruch der Dunkelheit, begann die geheime Operation "Donau": Truppen des Warschauer Paktes überfielen in einer Blitzaktion die Tschechoslowakei und begruben innerhalb weniger Stunden mit dem "Prager Frühling" den Versuch, einen demokratischen Sozialismus zu schaffen.

Überrascht von den sowjetischen Panzern in Prag wurden aus den Deutschland-Urlaubern über Nacht Exilanten, die eine  existenzielle Entscheidung zu treffen hatten: Rückkehr in die besetzte Heimat oder Trennung von ihren Familien und Verbleib im Exil.

"Büro für tschechoslowakische Kultur und Wissenschaft"

Utta Fischer-Martin, gebürtige Sudetendeutsche und Ehefrau des Schauspielers Helmut Fischer, leitete damals das "fliegende Büro" am Marienplatz.

Eine der Hilfsorganisationen, die damals in ganz Westeuropa entstanden, war das "fliegende Büro" von München, das "Büro für tschechoslowakische Kultur und Wissenschaft".

Peter Becher schildert das Umfeld des Büros und lässt Mitarbeiter und Unterstützer zu Wort kommen, u. a. Franz Peter Künzel, der sich als Übersetzer des bedeutenden tschechischen Autors Bohumil Hrabal einen Namen gemacht hat, und Utta Martin, die Witwe des Volksschauspielers Helmut Fischer.

"Ich glaube, dass es für die Leute eine sehr große Hilfe war. Also das bisschen finanzielle Unterstützung, aber auch die psychologische, dass da Leute waren, die zugehört haben, die Rat gegeben haben, die versucht haben zu helfen, nicht nur finanziell, durch Vermittlungen oder so, das glaub ich schon, es gab einen Ansprechpartner."

(Utta Fischer-Martin, ehemalige Leiterin des 'Büros für tschechoslowakische Kultur und Wissenschaft')


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