Bayern 2


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radioTexte am Dienstag Antonio Pellegrino

Je mehr Sprachen ich lernte, desto mehr wuchs die Zahl meiner Lieblingsautoren.

Stand: 28.01.2009

Antonio Pellegrino | Bild: BR/Lisa Hinder

In seiner lesenswerten Essaysammlung mit dem Titel "Die Bücher und das Paradies" fabuliert der italienische Bestsellerautor Umberto Eco über Vorzüge und Funktionen von literarischen Texten. Über Dantes Paradies (Göttliche Komödie) schreibt der Dichter-Professor: "Das Paradiso ist der Triumph einer puren Energie, die das Netz uns immer verspricht und niemals geben kann. Also Leute, wenn ihr wollt, könnt ihr das Paradiso auch so lesen, es wird euch nichts Böses tun und besser sein als eine Diskothek mit stroboskopischen Blitzen und Ecstasy."

Dantes Meisterwerk gehört nicht zu meinen ersten Leseerlebnissen, obwohl es in Italien ab einer bestimmten Klasse zur Pflichtlektüre gehört. Mein Lieblingsbuch war "I ragazzi della via Pál" (Die Jungen von der Paulstrasse) des ungarischen Schriftstellers Ferenc Molnár. Je mehr Sprachen ich lernte, desto mehr wuchs die Zahl meiner Lieblingsautoren. Viel über die Literaturkritik als Beruf und Literatur im Radio habe ich im Nachtstudio von Peter Laemmle gelernt und während meiner Moderatorenzeit für das Literaturmagazin des BFS LeseZeichen.

Heute gibt es so viele Genres, die mich begeistern und/oder provozieren: Klassische Balladen, moderne Theaterstücke, originelle Liebesgedichte, intelligente Romane, tiefgründige Aufsätze. Wie die meisten Leser kann ich mich oft dem Einfluss einer Romanfigur kaum entziehen. Genauso wie eine ganze Generation "Easy Rider" spielen wollte wie in Kerouacs Beat-Roman "On the Road". Ich gehöre aber nicht dazu. Möglicherweise werden sich in zwanzig Jahren die heutigen Kinder daran erinnern, wie sie um Mitternacht vor großen Kaufhäusern frierend und in unmöglichen "Klamotten" Schlange standen, um den neuesten Harry Potter-Band zu ergattern. Kurzum: Bücher sind Teil meines, unseres Lebens. Und wie Eco empfiehlt, selbst Discobesucher können sich heute gefahrlos mit alten und modernen Texten, elektronisch verfassten Romanen oder mit Power versprechenden Wort-Trips auch in die Schmuddelgebiete der Literatur vorwagen. Und wenn ihr Hörvermögen nicht völlig beschädigt ist, können sie das Beste im Radio oder auf ihrem Mp3-Player beim Joggen oder Chillen in voller Ekstase genießen. Ich tue es auch. Das Paradies kann warten.


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