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Miriam Meckel Die schöne, neue Welt des "Brainhacking"

Lassen wir uns irgendwann in der Zukunft statt einer Brille, um besser zu sehen, ein Hirn-Implantat anpassen, um schlauer zu sein? Miriam Meckels aktuelles Buch heißt "Mein Kopf gehört mir".

Von: Lohmöller, Veronika

Stand: 14.04.2018

Die Wissenschaftlerin und Autorin Miriam Meckel | Bild: picture-alliance/dpa

Was genau ist eigentlich Brainhacking?

Brainhacking ist im Grunde genommen der Versuch, durch psychologische oder auch direkte technische Eingriffe das menschliche Gehirn zu beeinflussen. Das Wort kommt aus dem psychologischen Bereich. Wenn Sie zum Beispiel daran denken, wie YouTube funktioniert: Da ist das so, dass wir uns ein Video anschauen und wenn das Video zu Ende ist, läuft direkt das nächste los. Wir geraten sozusagen in einen Fluss und können nicht mehr aufhören. Das ist eine Art von Anstupsen in eine spezielle Verhaltens-Richtung, die ursprünglich mal als Brainhacking bezeichnet worden ist. Jetzt gehen wir ein Stück weiter und reden darüber dass Technologie auch ins Gehirn eingreifen kann und damit unser Denken verändern kann, möglicherweise effizienter, fokussierter machen kann und Stimmungslagen beeinflussen kann.

Zur Person

Miriam Meckel ist Jahrgang 1967 und hat als Kommunikationswissenschaftlerin und Journalistin eine steile Karriere hinter sich. Mit Ende 20 wird sie Professorin und geht später in die Politik. Zwischen 2001 und 2005 ist sie Staatssekretärin und Regierungssprecherin in Nordrhein-Westfalen. Danach übernimmt sie wieder eine Professur im schweizerischen Sankt Gallen und zwar für Unternehmenskommunikation. In einem Sachbuch verarbeitet sie die Erfahrungen mit ihrem eigenen Burn-out. Das Buch wird ein Bestseller und später sogar verfilmt. Seit Oktober 2014 ist sie als erste Frau Herausgeberin der Zeitschrift Wirtschaftswoche. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Gesellschaft und ihrer Folgen. Dazu hat sie ein weiteres Buch veröffentlicht: "Mein Kopf gehört mir eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking"

Vor einigen Monaten hat Facebook ein Projekt vorgestellt, mit dem es möglich werden soll, Nachrichten direkt ins Smartphone zu denken. Wie realistisch ist es, dass so etwas in naher Zukunft möglich ist?

Ich bin schon skeptisch dass das in naher Zukunft möglich sein kann. In fernerer Zukunft, auch mittelferner Zukunft, bin ich ziemlich überzeugt, dass wir rasante Dinge erleben werden – weil man jetzt schon ausprobieren kann, dass das funktioniert. Ich habe an der Uni Tübingen dieses "Schreiben durch Denken" probiert. Da hat man eine Elektroden-Haube auf dem Kopf und eine Computer-Software bietet einem verschiedene Buchstaben an. Man muss sich auf die Buchstaben konzentrieren und sobald die Software in einem Prozess von wenigen Minuten gelernt hat, wie spezifisch meine Gehirnsignale sind im Vergleich zu einer anderen Person, kann ich ein I denken und ein A denken und so ... Und der Computer kann das Entschlüsseln. Ich habe für das Wort Interface, übersetzt Schnittstelle, ein paar Minuten gebraucht. Aber ich habe es geschrieben. Einfach nur durch Denken. Das geht also jetzt schon. Facebook will das Ganze sehr viel schneller machen und damit wird natürlich auch ein Trieb des Menschen angespielt, dass wir es gerne bequem haben. Aber es wird eben auch ein bisschen gruselig, weil man nicht weiß, wer da mit liest.

Inwieweit würde unser Kopf damit auch zum offenen Buch werden?

Facebook hat argumentiert: Im Grunde würde das Gehirn ja selber darüber entscheiden, wann ein Gedanke ans Sprachzentrum „geschickt“ wird und in dem Moment sei er ja zur Veröffentlichung bestimmt. Das finde ich eine relativ schwierige Abgrenzung. Wie oft fängt man an, etwas zu denken, was sozusagen fast schon auf der Zunge liegt, und dann reißt man sich doch nochmal zusammen oder hält sich zurück und sagt es nicht. Insofern ist das ein wirklich sehr heikles Thema. Wir wissen auch noch nicht genug über das Gehirn, um den Punkt oder den Moment bestimmen zu können, an dem dann der Denkende seine Einwilligung dafür geben muss, dass dann der Gedanke auch publiziert und in eine Nachricht verwandelt wird. An dieser Stelle bewegen wir uns auf einem Feld, was ich das Recht der Freiheit auf die Gedanken, auf die eigenen Gedanken und auf die Privatheit der eigenen Gedanken nenne. Diese Technologie ist ein Beispiel dafür, dass die nächste Eroberungszone unser aller Vernetzung werden wird.

Sie warnen in Ihrem Buch davor, dass uns in nicht allzu ferner Zukunft eine Zweiklassengesellschaft drohen könnte. Auf der einen Seite die geistig Wohlhabenden, die sich teure Hirn-Implantate leisten können und auf der anderen Seite die geistig Abgeschlagenen.

Man könnte natürlich darauf antworten – und das wäre ein sehr veritabler Einwand –, dass wir das schon haben. Bildung ist die absolute Voraussetzung dafür, dass jemand in unserer Gesellschaft im Berufsleben vorankommen kann und auch Bildung ist bei uns ungleich verteilt. Wenn sie sich aber jetzt mal vorstellen, dass wir diese jetzt schon vorhandenen Ungleichheiten noch potenzieren dadurch, dass man sich über Medikamente, über technische Eingriffe, technisches Equipment, das eigene Gehirn sozusagen boosten kann, so wie wir früher ein Mofa frisiert haben, dann ändert sich das gravierend. Diese Technologien sind ja nicht umsonst, die Kosten Geld. Dann haben wir irgendwann die Super-Brainies, die sich alles leisten können, und wir haben so etwas wie ein Hirn-Prekariat, das abgehängt wird. Dann werden wir möglicherweise irgendwann darüber diskutieren müssen ob es Hartz IV für Firmen geben muss, damit die Gesellschaft irgendwie noch miteinander reden kann. Das wäre natürlich keine schöne Vorstellung.

Wie gehen denn die vielen Startups in den USA mit diesem Thema um. Sind sie sich dieser ethischen Dimension überhaupt bewusst?

Diese ethische Diskussion gibt es schon. Die ist aber sehr unterschiedlich ausgeprägt. Erstmal muss man sagen: Da ist natürlich ein riesiger Markt der da winkt. Aber es gibt schon die Diskussion, dass das Gehirn schon etwas ganz Besonderes ist. Die Sensibilität beim überschreiten dieser Grenze ins menschliche Gehirn, die ist schon ein bisschen größer. Ich glaube, ein Unternehmen, das sich keine Gedanken darüber macht, wird auch Schwierigkeiten bekommen.

Sie sind selbst Wissenschaftlerin. Wie reizvoll ist für Sie als Wissenschaftlerin die Vorstellung, das eigene Gehirn boosten zu können und aus sich vielleicht noch mehr Leistungen rausziehen zu können?

Für mich ist das als Wissenschaftlerin nicht reizvoll um vermeintlich schneller zu denken – für mich ist es reizvoll ein solches Thema nicht nur theoretisch zu diskutieren. Das ist schon spannend. Wenn sie einen Schritt weiter gehen und die weitreichenden Szenarien überlegen: Wenn wir alle wirklich ein Hirn-Implantat hätten und wir würden unsere Gehirne zusammenschalten in ein großes Hirn-Netzwerk oder eine große Brain-Cloud, dann ist das natürlich eine total interessante philosophische Frage die sich dann anschließt. Wenn niemand mehr weiß, wer denkt denn eigentlich in dem Prozess, wenn wir unsere Gehirne verbunden hätten und nicht nur per Telefon verbunden wären. Was ist mit Persönlichkeit und mit persönlicher Autonomie und Freiheit. Das sind alles die ganz großen Fragen die dann auftauchen.


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