Bayern 2


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Mehr Selbstverständlichkeit Das fränkische Selbstverständnis auf Kur

Nach wie vor fühlen sich die Franken in einigen Bereichen unterrepräsentiert. Warum? Und wie ließe sich das ändern? Wir schicken das fränkische Selbstverständnis auf Kur.

Von: Tobias Föhrenbach

Stand: 08.04.2021

Der Patient träumt

Mal angenommen, alles wäre andersherum. Statt Bayern hieße unser Freistaat Franken. Unterteilt in einen einheitlichen Norden mit der Millionenmetropole Nürnberg als Landeshauptstadt und einem zersplitterten Süden mit verschiedenen bayerischen Regierungsbezirken. Im Osten und Westen die Oberpfalz und Schwaben. Durch Gebietsreformen und Staatsverträge wären über die Jahrhunderte immer mehr oberbayerische Landkreise zu Franken hinzugekommen. Das eigene Selbstverständnis und das Bild nach außen hin wären mit protestantischer Grundierung versehen, man spräche selbstbewusst Fränkisch, tanze den berühmten fränkischen Rundtanzdreher in typischer Tracht. Statt Alpenpanorama dominiere die Fränkische Schweiz, und die CSU-Klausur fände regelmäßig auf Kloster Banz satt, übertragen vom Fränkischen Rundfunk. Aufgrund der geschichtlich gewachsenen fränkischen Tradition, der typischen Lebensart und der wirtschaftlichen Stärke des Nordens fühlten sich die Bayern im Süden permanent übersehen und in der Öffentlichkeit chronisch unterrepräsentiert. Huch, wieder so ein Traum. Ganz ruhig, die haben gesagt, das gehört dazu.

Das fränkische Selbstverständnis auf Kur – Anamnese

"Es gibt in Franken eben nicht so die Institutionelle Klammer. Das geht Franken schon ein Gutteil ab. Es gibt ganz wenig was Franken sozusagen zusammenbindet. Es ist ja schon immer schwierig, wenn ich das aus meiner oberfränkischen Warte sehe, in Oberfranken gemeinsame Strukturen aufzubauen. Sich abzustimmen. Mit einer Stimme zu sprechen. Ich denke da ist immer auch etwas historisches Erbe drin."

Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger von Oberfranken

Das ist Günter Dippold – einer meiner "Pfleger", Bezirksheimatpfleger von Oberfranken ist sein offizieller Titel. Er und viele andere kümmern sich wirklich rührend um mich und wenn man dem Fachpersonal glauben möchte, dann benötige ich auch intensive Betreuung. Was mit mir nicht stimmt? Das weiß ich manchmal selbst nicht so recht. Anscheinend lässt sich das auch nicht so leicht auf einen Nenner bringen. Fehlendes Selbstbewusstsein höre ich ständig, man munkelt ich sei zu bescheiden. Schlimmer noch, man sagt mir auch nach, ich hätte eine gespaltene Persönlichkeit.

Also, über zu wenig Betreuung kann ich mich wahrlich nicht beschweren. Das Fachpersonal macht wirklich eine hervorragende Arbeit. Dennoch werde ich in der Öffentlichkeit anscheinend zu wenig gesehen. Ist die kulturelle Übermacht aus dem Süden einfach so erdrückend? Ich habe schon lange gesagt, da bräuchte es mal einen Chefarzt, der für uns, also für mich in die Bresche springt, der Franken und die große Klammer immer mitdenkt. Jemand an der Spitze, der es schafft die Öffentlichkeit auf meinen komplizierten Fall aufmerksam zu machen. Jemanden mit Kontakten, der seine Popularität einsetzen könnte, ich spinne jetzt mal rum, ein waschechter Franke am besten noch, ein echter Facharzt mit Erfahrung, der weiß, wie man Selbstvertrauen verschreibt.

"Allmächd, ich finde Franken sowieso super und deswegen finde ich es eben auch total toll, dass man mehr macht für die Fränkische Sprache. Ich trage einen Teil dazu bei, die fränkische Sprache national gut zu verbreiten."

Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident

Er ist aktuell meine größte Hoffnung – "Chefarzt" Markus Söder. Als er noch die Station Heimatministerium leitete, erklärte er auf Visite: "Politik für die Heimat zu machen heißt selbstverständlich auch Brauchtum zu unterstützen, Dialekte zu fördern, Heimatpreise zu vergeben und das Ehrenamt zu stärken."

Vorschlag: Rhönpanorama statt Alpenpanorama

"Ich denke, dass grundsätzlich das Bayernbild nach außen altbairisch geprägt ist, also alpenländisch. Das sieht man schon da dran, dass momentan bei den Pressekonferenzen Markus Söder immer ein Alpenpanorama hinter sich hat, könnte ja auch mal ein Rhönpanorama sein, oder das Fichtelgebirge. Wäre ja alles denkbar, wäre sicherlich politisch auch geschickt, aber es ist das Alpenpanorama."

Franz Josef Schramm, Leiter der Beratungsstelle für Volksmusik in Franken

Ein Rhönpanorama

Ja, so ist das manchmal in der Reha. Zwei Schritte nach vorne, einer nach hinten. Sie kennen das ja. Da muss man sich manchmal in Geduld üben. Das war übrigens gerade mein anderer "Pfleger" Franz Josef Schramm aus Eibelstadt – er kümmert sich darum, dass meine Beschwerden im Bereich Volksmusik gelindert werden.

Forschungsstelle für Fränkische Volksmusik

Gar nicht weit von seiner Station entfernt gehe ich übrigens zur Physiotherapie. Die bestens ausgestattete Praxis dafür befindet sich in einem alten Haus in der Schlossstraße Nummer 3 im mittelfränkischen Uffenheim. Hier befindet sich die Forschungsstelle für Fränkische Volksmusik. Das Gebäude "Die Alte Post" aus dem Jahr 1709 wurde bereits als Posthalterei und als Brauereigasthof genutzt. Hier kümmert man sich um meine musikalische Gesundheit. "Stationsleiterin" Heidi Christ führt durch die Behandlungszimmer der Einrichtung. Die Praxis wird vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, sowie von den drei fränkischen Regierungsbezirken gefördert und von einem kleinen, fachkundigen Team mit Leben gefüllt.

Bereits seit über 25 Jahren ist Heidi Christ in der "Physio-Praxis" tätig und beherrscht jegliche Anwendung: Etwa das Sammeln, Dokumentieren und Inventarisieren von Instrumenten, Noten und anderen Zeitzeugnissen. In den Sprechstunden nimmt sie neues Material zur Fränkischen Volksmusik entgegen, das ihnen aus allen Ecken Frankens herangetragen wird. Man sorgt sich also um mich, rund um die Uhr. Und ich sage Ihnen, hier einen Termin zu bekommen ist nicht einfach.

Neben dem Archivieren und Digitalisieren geht es dann auch darum, die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, durch Publikation von Notendrucken zum Beispiel oder der Herausgabe von Büchern und Tonträgern. In Oberbayern gibt es dazu übrigens ein Pendant – das Volksmusikarchiv in Bruckmühl, das jetzt zu einem großen Zentrum für Volksmusik, Mundart und Popularmusik umgewandelt wurde. Ein Kompetenzzentrum, in dem viele Fachbereiche zusammengelegt werden.  Wäre das nicht auch denkbar für Gesamtfranken? Da würde ich gerne auch mal zur Kur.

Der Patient träumt

Mal angenommen alles wäre andersherum. Die Fränkische Volksmusik wäre heute weltweit das Aushängeschild der fränkischen Leitkultur. Trachtenvereine, Spiel- und Laienmusikensembles hätten keine Nachwuchssorgen. Schon die Jüngsten in den fränkischen Familien würden mit einer Selbstverständlichkeit an die Musiktradition herangeführt werden. In den Kindergärten würde der Morgenkreis mit Mundartliedern beginnen. Bei Festen würde mit regionalem Instrumentarium aufgespielt werden. Zahlreiche studierte Musiker würden statt der bairischen die fränkische Volksmusik pflegen und durch weltmusikalische Einflüsse weiterentwickeln. In den Volksmusikarchiven wären die fränkischen Tänze und Lieder zahlenmäßig deutlich stärker vertreten, in den Rundfunkanstalten viel mehr fränkische Qualitäts-Aufnahmen vorhanden. Heimatsender und Musikfestivals würden vermehrt auf Fränkische Gruppen setzen. Huch, ich war kurz weg. Schon wieder.

Das Fränkische Selbstverständnis auf Kur – Diagnose

"Das hängt auch damit zusammen, wie die Gesellschaft insgesamt agiert und gerade im ländlichen Bereich, südlich von München, ist dieser Traditionsbezug auch ganz stark. Auch der Bezug zur Musik ist ganz stark. Im Kleinen ist das überall relativ gleich verbreitet, aber wenn es um die Öffentlichkeit geht, dann muss man sagen, dass im südbayerischen Bereich mehr Bewusstsein da ist, das in die Öffentlichkeit zu tragen. Und das ist auch für die Menschen ein ganz wichtiger Faktor, dass man das, was man gemeinsam erlebt, nämlich feiern, oder einen gemeinsamen Tanzabend, dass man diese Dinge auch musikalisch umrahmt und musikalisch erhöht. Und das findet dann natürlich auch immer wieder statt, klar."

Elmar Walter, Leiter der Abteilung Volksmusik des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege

Elmar Walter, er ist der Leiter des Volksmusik-"Pflegedienstes" im Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. Und sein Kollege Franz Josef Schramm aus Unterfranken ergänzt in meiner Akte noch weitere Punkte, also Ursachen dafür, warum diese kulturelle Selbstverständlichkeit in meiner DNA nicht so ausgeprägt ist.

"Die Volksmusik spielt in Nordbayern grundsätzlich eine geringere Rolle als in Altbayern. Das ist Geschichtlich bedingt, das ist aber auch von der Musikausbildung bedingt. Weil es in ganz Franken keine Musikschule gibt, die Volksmusik in irgendeiner Form unterrichtet. Das heißt, wenn ich ein Instrument lerne, dann kommt Volksmusik eigentlich nicht vor, bis auf ganz wenige Ausnahmen vielleicht. Und in der Musikschule ist das das gleiche."

Franz Josef Schramm, Leiter der Beratungsstelle für Volksmusik in Franken

Der Patient halluziniert

Mal angenommen alles wäre andersherum. Nicht die bairische, sondern die fränkische Mundart wäre im Freistaat Franken omnipräsent. Personen des öffentlichen Lebens würden ganz selbstverständlich im breitesten Fränkisch auftreten. Niemand würde seine fränkische Herkunft verstecken wollen, im Gegenteil sie voller Stolz bei allen Feierlichkeiten und Auftritten vor sich hertragen. Fränkisch wäre sogar so populär, dass Bairische Unternehmer mit fränkischen Sprüchen und Slogans werben würden. Statt "Mia san Mia" also "Bassd Scho" als Leitkultur. Im Radio und Fernsehen wären die fränkischen Muttersprachler deutlich in der Überzahl. Das Bairische wenn überhaupt nur nischig vertreten. In Filmen wäre der Franke, nicht der Baier bevorzugter Protagonist. Fränkisches Mundarttheater auf dem Land? Gang und Gäbe. Mehr noch, statt Bairisch wäre Fränkisch auf Platz 1 der beliebtesten Dialekte in Deutschland.

Das Fränkische Selbstverständnis auf Kur – Folgediagnose

"Nun, die Oberbayern kommen ja immer selbstbewusst mit 'Mia san mia' daher. Damit haben die Franken eher ein Problem. Wir schämen uns mehr dafür, dass wir wir sind und verstecken unseren Dialekt."

Fitzgerald Kusz, fränkischer Mundart-Dichter

So liest sich die ernüchternde Diagnose von Schriftsteller Fitzgerald Kusz erst jüngst in einem Zeitungsinterview. Er ist ein richtiger "Facharzt" mit Erfahrung, schreibt Gedichte auf fränkisch, laboriert mit der Materie Mundart, hält Vorträge und kennt die Vorbehalte wie Vorzüge gleichermaßen. Schon seit seiner Schulzeit.

"Es war wirklich so, man hatte im Deutschunterricht Schwierigkeiten sich auszudrücken. Ich war noch dazu im Humanistischen Gymnasium in Erlangen mit lauter Professorenkindern, die dialektfrei aufgewachsen sind. Ich war Auswärtiger. Im Zug ging es aber dann sofort wieder los mit den Kumpels. Und als Fahrschüler wurde dann wieder unverfälscht Dialekt gesprochen. Man hat versucht mir den Dialekt auszutreiben, aber es ist niemandem gelungen."

Fitzgerald Kusz, fränkischer Mundart-Dichter

Diese Erfahrungen sind bestimmt kein Einzelfall. Erlebnisse, die durchaus Narben hinterlassen können. Also, woher soll‘s denn kommen, das Selbstverständnis, wenn man bereits im eigenen Lager auf Widerstände trifft? Und da wundert sich noch jemand, dass ich in Behandlung bin? Klar, auch das ist ein kleineres Symptom, aber erinnern sie sich an meinen größten Therapie-Rückschlag, als bei der ZDF Serie "Tannbach", die im oberfränkischen Mödlareuth spielt, vieles an Dialekt gesprochen wurde – nur kein Fränkisch. Da hilft keine Medizin mehr, glauben sie mir. Das ist auch bei anderen Produktionen so und wird natürlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen und rege diskutiert.

Das Fränkische Selbstverständnis auf Kur - Therapie

Was mir von ärztlicher Seite aus verschrieben wurde? Kuraufenthalte samt Anwendungen.

"Der Tag der Franken ist 2006 durch einen Landtagsbeschluss ins Leben gerufen worden und der Tag der Franken war, kaum dass er auf der Welt war, ein Waisenkind. Der Beschluss war gefasst, aber niemand hat sich für diesen Tag zuständig gefühlt und der Bezirk Mittelfranken hat gesagt, na gut, jetzt machen wir’s."

Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger von Oberfranken

Wie so oft, die Zuständigkeiten. Man schiebt den Patienten ab und hofft, dass sich schon irgendwer seiner annehmen wird. Was man dann auch verantwortungsvoll tat, kann ich Ihnen versichern. Der Tag der Franken, durchaus eine sinnvolle Maßnahme. Lebendige Brauchtumspflege, Schärfung des Traditionsbewusstseins und genügend Öffentlichkeit – also, ähm, einmal im Jahr. Ob das ausreicht? Ich gehe jetzt seit 15 Jahren auf Kur und fühle mich immer noch nicht besonders.

Aber durchaus ein heilsamer Ansatz, der durch entsprechende Veränderungen mehr Durchschlagskraft entwickeln könnte. Und die Therapie läuft ja nicht nur eingleisig. Die zahlreichen "Pflegerinnen und Pfleger" vor Ort tun ihr Möglichstes, um mir zu helfen mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen, die alle fränkischen Regierungsbezirke miteinschließen. Grenzübergreifende Kooperationen verschiedener Institute gehören genauso dazu, wie Preisverleihungen, Veranstaltungen, Konzerte, Lesungen und Feste. Für Ihren Einsatz bin ich außerordentlich dankbar. Vielleicht wären hier aber auch ein paar finanzielle Anregungen denkbar. Mehr Vollzeitstellen statt Ehrenämter? Sie sehen schon, Vielfalt wäre doch ein gutes Rezept – so könnte sich das, was man anfangs noch in Frage stellte, am Ende als die größte Stärke herausstellen.

"Vielleicht ist es auch in unserer heutigen Gesellschaft gar nicht so wichtig, den großen Dachverband zu haben, den Einen, der sagt wo es langgeht, die eine Gruppierung, die für alle spricht. Sondern viel wichtiger ist in unserer heutigen Gesellschaft das Networking. Fäden in viele Richtungen zu spinnen, Knoten zu haben und zu sein. Im Netzwerk stecken wir doch fest drin und es gibt ja auch ein innerfränkisches und wenn man die Oberpfalz dazu nimmt nordbayerisches Netzwerk und die Zusammenarbeit funktioniert da reibungslos."

Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger von Oberfranken

So könnte es mit mir bergaufgehen. Stetig und langsam, zwei Schritte vor und einen zurück. Ach und wichtig wäre auch, die Angehörigen in den Heilungsprozess mit einzubeziehen. Eventuell könnten Sie mich ja auch unterstützen, indem Sie noch mehr fränkisches Selbstverständnis an den Tag legen und sich nicht kleinmachen lassen. Egal von wem. Nur nochmal zu Erinnerung: Bayern, ein Vielvölkerstaat mit Subsidiaritätsprinzip, das bedeutet Staatliches Handeln auf der einen Seite, Selbstverantwortung der Bürger auf der anderen Seite. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Fränk… – äh Bayerische Verfassung und sagen sie es weiter.


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