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Intellektuelles Abenteuer Maxim Kantors Roman "Rotes Licht"

Maxim Kantor hat sich gegen die Annexion der Krim gewandt und ist deshalb Volksfeind. Auf der Liste der "100 Feinde Russlands" hat er Platz 36 inne. Der erste Teil des Romans konnte 2013 in Russland erscheinen, der zweite Teil hatte keine Chance mehr. Der ganze Roman ist inzwischen in der Ukraine auf Russisch erschienen, die deutsche Übersetzung nun auch bei uns.

Von: Christine Hamel

Stand: 16.04.2018

Buchcover "Rotes Licht" von Maxim Kantor | Bild: Zsolnay Verlag, Montage: BR

Maxim Kantors Roman "Rotes Licht“ eröffnet das Kapitel "Brauner Frühling", und gleich der erste Satz zeigt drei Tode an: den des Juden Solomon Richter, den Europas und den der Demokratie. Großes wird also verhandelt in dem 700 Seiten starken Buch, das zentrale Motive des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts insbesondere in Russland, aber auch im restlichen Europa zusammenfügt – leidenschaftlich der Wahrheitsfindung zu Diensten. Maxim Kantor selbst sagt dazu:

"Die letzten 25 Jahre habe ich mit dem Gefühl gelebt, dass sich so viele Lügen angesammelt haben und niemand darüber spricht, was wirklich geschieht. Man hält sich mit Phänomenen an der Oberfläche auf und versucht, ein Urteil über die Geschichte zu fällen. Aber niemand spricht über die Gegenwart und niemand zieht Schlüsse aus der Vergangenheit, um zukünftig Fehler zu vermeiden. In Russland hat sich anstelle der Demokratie ein neuer Feudalismus entwickelt, der unzweifelhaft auf einen Faschismus hinausläuft. Ich habe das schon vor 20 Jahren kommen sehen, aber da war ich noch allein mit meiner Meinung. Und weil niemand über diese Entwicklungen schreibt, habe ich mich für diesen Roman entschieden."

Maxim Kantor

Maxim Kantor

Ein Donnerunternehmen. In "Rotes Licht" erzählt der 1957 in Moskau geborene, mittlerweile in Westeuropa lebende Schriftsteller am Beispiel von drei Generationen von der Geschichte. Er berichtet vom Alltag und den Kämpfen im russischen Bürgerkrieg, vom Überlebenskampf während des Großen Terrors unter Stalin, vom Zweiten Weltkrieg und den stalinschen Säuberungen hinter der Front, vom gesetzlosen Treiben der Oligarchen und der Geheimdienste unter Putin, dem Krieg in der Ostukraine und all den unberechenbaren Nachtseiten des Lebens. Auf dieser eigentlich schon menschheitsparabelartigen dokumentarischen Grundlage tritt eine Fülle von Personen auf - die meisten von ihnen sind "talking heads" und leben weniger von der Erzählkunst, als vielmehr von der Kanzelberedtsamkeit des Autors und dem unverkennbaren Bezug zu realen Personen.

Der Held: Salomon Richter

Seinem Helden jedoch verschafft der Schriftsteller einen starken Auftritt. Salomon Richter ist ein aus Argentinien stammender russischer Jude, das Alter Ego des Vaters von Maxim Kantor.

"Immer war ihm klar gewesen, dass der Tod ihn in einem staatlichen Gebäude ereilen würde, in einem Zimmer mit niedriger Decke. Es würde nicht in Buenos Aires sein, der hellblauen Stadt, in der er einst in der Avenida Corrientes geboren worden war. Es würde keine Möwen geben, die ihre Kreise im Abendhimmel über der Lagune ziehen, nicht den endlosen Park, nicht die fröhlichen, bunten Häuser. […] er erinnerte sich an die Stationen seines Lebens: wie er seiner Frau Tanja begegnet war, als er das Arbeitslager verließ, welche Hemden sein Vater Moses getragen, was Marx im zweiten Buch des 'Kapitals' geschrieben hatte. […] Details kamen ihm in den Sinn, als der Ermittler beim Verhör sagte: Sie sind also Jude, Salomon Mosesowitsch? Nächstes Mal werden Sie sich schlauer anstellen. War es wirklich schlau gewesen für die Gleichheit in Russland zu kämpfen?"

aus 'Rotes Licht' von Maxim Kantor

Auch das eine der Fragen, die Maxim Kantor in seinem Roman aufwirft. Die lineare Zeitstruktur ist durch die Abfolge der Generationen vorgegeben, doch der Roman versucht sich an der Gegenwart mehrerer Zeiten und führt aus diesem Grund einen mephistophelischen, alle und alles überdauernden Kommentator ein: Ernst Hanfstaengel, genannt Putzi, Adolf Hitlers Weggefährte und Förderer in den Münchener Jahren. Eine dunkle, ungeheuerliche Figur mit kalten Augen, die sich der Welterklärung aus dem Geist des Zynismus verschrieben hat. Hanfstaengl obliegt es in dem Roman "Rotes Licht", die liberale russische Opposition auseinanderzunehmen.

Am Ende: das alles verschlingende Nichts

Es fehlt nicht an Provokationen in Maxim Kantors Roman, der keine Gelegenheit auslässt, mit der Kaste von selbstverliebten Oberpriestern en grosso und antiglobalistisch abzurechnen. Die Kritik an einer amoralischen Postmoderne mündet am Ende in das russlandgroße, auch den Westen in seiner moralischen Verkommenheit verschlingende Nichts. Der Versuch, Geschichte und Gegenwart zu zerlegen, damit sie heil werden. 

"Ich habe mich bemüht, eine Variation von Goethes Faust zu schreiben, aber das ist eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Ich glaube, es handelt sich bei meinem Roman um ein spezielles Genre. Ich habe es nicht erfunden, das war Dante. Aber auch unserer Gegenwart ist die Form angemessen, denn unsere Zeit bietet so ungeheuerliche und verwunderliche Fakten, die man auf keinen Fall vergessen darf. Um das alles zu fassen, musste ich auf diese fast biblische Sprache zurückgreifen, denn Metaphern in meinem Roman wären gefährlich. Das Leben selbst ist sehr metaphorisch, daher war mir eine sehr trockene, aber leidenschaftliche Sprache wichtig."

Maxim Kantor

Fazit

"Rotes Licht“ wird mit den vielen zeitgeschichtlichen Bezüge oft zu einer Geduldsprobe für den Leser. Der Stoff ist maßlos ausschweifend, ohne dass ihn ein wirklicher Plot zusammenhält. Aber Maxim Kantors Roman ist ein von humanistischem und slawophilem Gedankengut inspiriertes Zeitbild, das den scheinbar tragfesten Grund unserer europäischen Ordnung leise, aber beharrlich erschüttert. Man mag dieser Argumentation nicht immer folgen, aber der in der Tradition Alexander Sinowjews querdenkende Roman ist ein großes intellektuelles Abenteuer.

Maxim Kantor: "Rotes Licht"

Zsolnay Verlag 2018, 704 Seiten. Aus dem Russischen von Juri Elperin, Sebastian Gutnik, Olga Korneev, Claudia Korneev.


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