Bayern 2

Prix-Goncourt-Preisträger Mathias Énard "Das Jahresbankett der Totengräber"

Weil die Totengräber immer nur mit Leid und Tod zu tun haben, lassen sie einmal im Jahr eine Fete steigen. Zwei Tage wird geschlemmt, getrunken und philosophiert. Und natürlich lässt Mathias Énard währenddessen auch den Tod pausieren. Aber es ist nur ein Erzählstrang im überbordenden Roman des Meisterzählers. Es geht um Reinkarnation und um David, der sich für seine Dissertation über das Landleben in einem Dorf einnistet und mehr rumhängt, als seine Studien voranzutreiben, es geht um den Klimawandel und das Leben im Einklang mit der Natur und um große Denker und Literaten.

Von: Eva Demmelhuber, Cornelia Zetzsche

Stand: 13.07.2021 09:45 Uhr

Mathias Énard | Bild: Xornelia Zetzsche

"In früheren Leben sind wir alle Erde, Steine, Tau, Wasser und Feuer gewesen. Wir waren Moos, Gras, Bäume, Insekten, Fische, Schildkröten, Vögel und Säugetiere." Diese buddhistische Weisheit stellt der französische Schriftsteller seinem neuen Roman "Das Jahresbankett der Totengräber" voran, und um nichts weniger geht es, es geht um alles. um das Leben, den Tod, die Liebe, die Zukunft und die Vergangenheit. Alles ist mit allem verbunden.

Für alle wilden Denker

Die wilden Denker im Arrondissement Niort, in der Mathias Énard 1972 geboren wurde

Mit viel Witz und einer Unmenge an kultur-historischem Wissen schwebt Mathias Énard leichtfüßig durch Jahrhunderte. Los geht diese Reise zunächst mit dem Anthropologen David Mason. Für seine Dissertation über das Landleben im 21. Jahrhundert fährt der Pariser in ein abgelegenes Dorf im Nordwesten Frankreichs, hängt aber mehr in der Bar herum, als zu forschen. Kämpft mit Würmern und Schnecken in seinem Badezimmer und anfänglich mit der Ödnis des ländlichen Raums. Im knapp 700 Einwohner zählenden La Pierre-Saint-Christophe leben Individualisten, Aussteiger, alteingesessene Bauern, eine Ökoaktivistin und der Bürgermeister, der auch Totengräber ist. Zum ersten Mal nach 30 Jahren im Ausland lebend, widmet sich der Orientalist Énard seiner französischen Heimat und richtet sich zugleich an "alle wilden Denker".

So beginnt "Das Jahresbankett der Totengräber"

Aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

11. Dezember
Ich habe beschlossen, diesen Ort Das Wilde Denken zu nennen, was sonst. Vor zwei Stunden bin ich angekommen. Ich weiß noch nicht so recht, was ich in diesem Tagebuch festhalten werde, aber gut, Eindrücke und Notizen, alles Material, das für meine Doktorarbeit wichtig ist. Mein ethnographisches Feldtagebuch. Am Bahnhof in Niort habe ich ein Taxi genommen (Richtung: Nord-Nordwest, 15 Kilometer, ein Vermögen). Rechts neben der Départementsstraße ebene Landschaften, endlose Felder ohne Hecken, nicht gerade heiter im Abendlicht. Zur Linken fuhren wir an tiefdunklen Sümpfen entlang, so kam es mir zumindest vor. Dem Fahrer fiel es trotz GPS schwer, die Adresse zu finden. (Die Koordinaten von Das Wilde Denken: 46°25'25.4" Nord, 0°31'29.3" West.) Schließlich hielten wir auf dem Hof eines Bauernhauses, ein Hund begann zu bellen, wir waren da.

Und natürlich bleibt Mathias Énard nicht in diesem kleinen Ort, sondern reist durch den religiösen und kulturellen Kosmos von der Römerzeit bis in die Gegenwart, und erzählt so die Geschichte Europas. Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche erzählt Mathias Énard von seinem monumentalen Roman.

Mathias Énard: Wir fangen mit David an, aber dann gibt es einen anderen, allwissenden Erzähler, der ein Buddhist ist. Er sieht alle Wiedergeburten von allen Leuten des Dorfes. Er erzählt uns, wie alle diese Seelen wiedergeboren sind in anderen Personen oder Lebewesen. Und die haben eine ganz andere Perspektive vom Dorf und der Geschichte.

Cornelia Zetzsche: Dieser allwissende Erzähler eilt durch die Jahrhunderte. Es gibt Seelenwanderung, Reinkarnation, Wiedergeburt. Der Pfarrer wird zum Wildschwein, zum Beispiel. Welche Rolle spielt diese Seelenwanderung? Wie kommt jetzt plötzlich ein Buddhist ins Spiel?

Reinkarnation in der Literatur ist für mich ein Weg, um alle unsere Schicksale miteinander zu verbinden. Für mich war beim Schreiben die Wiedergeburt ein Weg, das Paradigma unserer Beziehung zur Natur zu verändern, nicht nur zum Tod. Warum? Wenn wir alle wiedergeboren sind, wir haben sehr, sehr, sehr verschiedene Leben gelebt, wir waren auch alle Tiere und vielleicht auch Pflanzen. Und das bedeutet, das Abenteuer der Menschen ist nicht, die Erde zu beherrschen oder die Natur zu beherrschen, sondern wir sind am Ende nur ein Teil eines einzigen Schicksals. Und für mich war Reinkarnation nicht nur ein Weg, literarisch verschiedene Personen und Zeiten zu verbinden.

Die napoleonische Zeit kommt vor, der Zweite Weltkrieg, es geht zurück bis zur Römerzeit, verschiedenste Figuren tauchen auf. Warum rückt dieser allwissende Erzähler die Totengräber ins Zentrum des Buches und auch des Titels natürlich: Bankett der Totengräber.

Die Totengräber und der Tod stehen für mich im Zentrum. Wenn man an Reinkarnation glaubt oder sich für Reinkarnation interessiert, bedeutet das, dass der Tod nur ein Moment ist, er ist ein Moment zwischen zwei Geburten. Und die Totengräber sind die einzigen, die durch alle Zeiten diese Momente gelebt haben. Und deswegen stehen die Totengräber im Zentrum des Romans.

Das Bild vom "Bankett der Totengräber" hängt in der "Jüdischen Zeremonienhalle", die 1911 für die Prager Beerdigungsbruderschaft gebaut wurde

Das Jahresbankett der Totengräber habe ich in Prag entdeckt, in einer Prager Synagoge, die heute ein Museum ist. Dort hängen drei Gemälde, die das jährliche Bankett der Bruderschaft der Totengräber zeigen. Und die Bildunterschrift lautet etwa so: "Um sich für ihren traurigen Beruf zu trösten, geben die Totengräber jedes Jahr ein großes Gastmahl." Ich habe sofort gedacht, was für eine wundervolle Idee, und dachte, vielleicht hilft sogar der Tod selbst mit und es stirbt niemand während der zwei Tage. Und dieses Jahresbankett gab mir die Möglichkeit, durch die Reden der Totengräber die Geschichte der französischen Literatur zu erzählen.

"Das Jahresbankett der Totengräber"

Schauspieler Steffen Höld | Bild: Residenztheater / Lucia Hunziker

Schauspieler Steffen Höld, 2020 als bester Schauspieler ausgezeichnet mit dem Nestroy-Preis

Lesung mit Steffen Höld vom Münchner Residenztheater und Gespräch mit Mathias Énard in radioTexte - Das offene Buch am 18. Juli um 12.30 Uhr auf Bayern 2, danach auch als Podcast verfügbar.
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