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Fußball-Weltmeisterschaft in Russland Wie viel Zufall regiert im Fußball?

Erfolg bei der Fußball-Weltmeisterschaft - der hängt manchmal weniger von Kondition und Können ab, sondern - vom Zufall? Das untersucht Martin Lames, Professor für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Technischen Universität München.

Stand: 13.06.2018

Bayern 2-radioWelt: Wie sind Sie denn vorgegangen, um herauszufinden, welche Rolle der Zufall im Fußball spielt?

Martin Lames, Professor für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Technischen Universität München: Wie man so vorgeht in der Wissenschaft: Man holt eine große Stichprobe, definiert das Phänomen - wir haben also Zufallsvariablen definiert und dann schaut man, wie häufig sind die beteiligt beim Zustandekommen eines Tores.

Bayern 2-radioWelt: Wenn der Ball zum Beispiel nur an die Latte geht und eben nicht ins Tor, diese paar Zentimeter Unterschied, ist das für Sie ein Beispiel für die Rolle des Zufalls?

Martin Lames: Ja, das ist dieser Millimeter Unterschied. Die Bedeutung wäre hier, dass es nicht in der Kontrolle des Schützen liegt, ob der Ball von der Latte ins Tor oder ins Feld zurückprallt. Das wäre so eine kritische Zufallssituation, aber es gibt auch sehr klare, zum Beispiel abgefälschte Bälle, die eben gar nicht bewusst platziert werden können und die tatsächlich zufällig ins Tor gehen. Oder auch Abpraller von Pfosten beispielsweise, die zufällig dahin kommen, wo der Stürmer steht, der das dann in ein Tor verwandelt.

Bayern 2-radioWelt: Gerade wenn der Ball eben nicht an die Latte geht, sondern ins Tor, dann würde der Spieler sagen: Das war mein überragendes Können, mein genaues Zielen. Wie wollen Sie genau nachweisen, was es im Endeffekt war?

Martin Lames: Die Strategie der Untersuchung war eine Abschätzung nach unten, so dass wir nur Variablen und Tore aufgenommen haben, bei denen wir sicher sind, dass eine dieser Zufallsvariablen, die wir auch als solche identifizieren können, beteiligt waren.

Bayern 2-radioWelt: Nennen Sie mal ein spektakuläres Tor der jüngeren Vergangenheit, von dem Sie sagen, dass es durch Zufall entstanden ist.

Martin Lames: Durch Zufalls-Beteiligung! Es ist ja immer so, dass die Fähigkeiten des Spielers vorhanden sein müssen. Ich denke jetzt zum Beispiel an das Bale-Tor im Champions League Finale, wo ein Weitschuss immerhin von einer gewissen Qualität abgegeben wurde, aber er war genau auf den Tormann platziert: Und dass jetzt der Torwart diesen Fehler macht, das war nicht in der Kontrolle der angreifenden Mannschaft. Dass zählt auf unser Zufallskonto. Aus zwei Gründen: erstens aus einer sehr weiten Entfernung wurde getroffen und zweitens: Der Torwart hatte eine starke Ballberührung, der hätte den genauso gut halten können. In diesem Fall sagen viele, er hätte ihn halten müssen.

Bayern 2-radioWelt: Könnte man eine Fußball Weltmeisterschaft auch auswürfeln, wenn so viel Zufall mit im Spiel ist?

Martin Lames: Es muss beides da sein: die Fähigkeiten der Spieler und - das macht es ja so spektakulär und interessant - eben auch diese unkontrollierbaren Umstände, die zu Toren führen.

Bayern 2-radioWelt: Macht das für Sie den Reiz dieser Sportart aus?

Martin Lames: Selbstverständlich! Diese Unvorhersehbarkeit, dass aus gar keinen Chancen Tore werden und auch der umgekehrte Fall, dass glasklare Chancen dramatischerweise nicht verwandelt werden, das ist das Salz in der Suppe im Fußball.


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