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Die häufigsten Essstörungsbilder Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung

Die drei häufigsten Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen sind Magersucht (Anorexie), Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und Esssucht (Binge-Eating-Störung).

Von: Susanne Dietrich

Stand: 19.07.2021

Sarah ist 21 Jahre alt und hat Angst vor dem Leben. Angst vor dem Erwachsenwerden. Angst vor dem dick werden. Sarah hat Bulimie. | Bild: BR/SWR/Umbreit

Viele Eltern glauben, Essstörungen seien ausschließlich ein Problem in der Pubertät und im jungen Erwachsenalter. Dabei können Essstörungen bereits bei Kindern unter 11 Jahren auftreten. Lediglich bulimisches Verhalten kommt im vorpubertären Alter eher selten vor. Formen der Magersucht mit typischen oder auch untypischen Symptomen werden jedoch auch bei jüngeren Kindern beobachtet.

Magersucht (Anorexie)

Bei der Magersucht liegt der Erkrankungsgipfel zwischen 14 und 18 Jahren, es gibt aber auch deutliche jüngere Patientinnen und Patienten. Ein wesentliches Diagnostik-Kriterium für Magersucht ist das Untergewicht der Betroffenen.

Das Untergewicht entsteht zumeist durch ein restriktives und selektives Essverhalten – aber auch durch andere Maßnahmen, um das Gewicht niedrig zu halten, zum Beispiel durch einen starken Bewegungsdrang. Betroffene fahren die Energiezufuhr deutlich herunter und beschränken sich auf kalorienarme Lebensmittel. Sie meiden fett-, zucker- und kalorienreiche Nahrungsmittel und essen bevorzugt "leichte" Speisen wie Obst und Gemüse.

Obwohl Magersüchtige eindeutig untergewichtig sind, leiden sie unter einer extremen Angst, zu dick zu sein oder zu werden. Ihr Selbstwertgefühl ist stark von Figur und Gewicht abhängig. Oft entscheidet die Zahl auf der Waage über Wohl und Wehe eines ganzen Tages.

Viele Patientinnen und Patienten leiden darüber hinaus an einer Körperschema- oder Körperbildstörung: Sie nehmen den eigenen Körper verzerrt wahr. Bei zahlreichen weiblichen Betroffenen bleibt die Monatsblutung aus. Die Unterernährung versetzt den Körper in einen Mangelzustand, in dem alle Reserven für die Selbsterhaltung benötigt werden. Eine Schwangerschaft würde den Organismus über die Maßen belasten.

"Die Magersucht ist von allen psychischen Störungen die mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Die Gründe dafür reichen von Organversagen über Infektionserkrankungen bis hin zum Suizid. Das zeigt, wie sehr die Krankheit den Betroffenen das Leben zur Hölle macht."

Dr. Karin Lachenmeir

Auch bei Magersüchtigen können Essanfälle auftreten. Betroffene berichten, dass sie gelegentlich mehr essen, als es ihr Hunger-Regime eigentlich zulassen würde. Auf eine solche Essattacke können Maßnahmen wie Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch folgen. Dann spricht man vom sogenannten "Binge-Purging-Typ".

Ess-Brech-Sucht (Bulimie)

Besonders charakteristisch für Bulimie oder Ess-Brech-Sucht sind regelmäßig auftretende Essanfälle oder Heißhungerattacken. Dabei verzehren die Betroffenen in relativ kurzer Zeit deutlich mehr Nahrung als gesunde Menschen das tun würden. Sie berichten von einem regelrechten Kontrollverlust. Für die Diagnose Bulimie müssen diese Essanfälle über einen Zeitraum von drei Monaten mindestens zwei Mal pro Woche auftreten.

Bulimie tritt bei jungen Menschen klassischerweise zwischen dem 16. und dem 19. Lebensjahr auf. Wie bei der Magersucht haben die Betroffenen große Angst davor, zuzunehmen. Ein Essanfall löst panische Angst, aber auch Gefühle von Scham und Selbstekel aus – und führt in der Regel dazu, dass Patientinnen und Patienten gegenregulierende Maßnahmen ergreifen: Das kann selbst ausgelöstes Erbrechen sein, aber auch die Einnahme von Abführ- oder Entwässerungsmitteln. Häufig folgt auf einen Essanfall ein restriktives Ernährungsverhalten – Betroffene nehmen an den Folgetagen weniger Kalorien zu sich oder bewegen sich deutlich mehr als sonst.

Ähnlich wie Magersüchtige haben auch Patientinnen und Patienten mit Bulimie eine gestörte Beziehung zum eigenen Körper. Auch bei ihnen hängt das Selbstwertgefühl in hohem Maße von Figur und Gewicht ab. Die Diagnose der Bulimie wird nur dann vergeben, wenn nicht gleichzeitig eine Magersucht diagnostiziert wurde. Die Übergänge zwischen beiden Krankheitsbildern können fließend sein.

"Wir finden immer wieder Patientinnen, die sich keiner der beiden Kategorien eindeutig zuordnen lassen. Bei ihnen wird dann eher eine atypische Anorexie oder eine atypische Bulimie diagnostiziert. Es gibt auch Betroffene, die in bestimmten Krankheitsphasen eine anorektische Symptomatik zeigen und in anderen Phasen eine bulimische."

Dr. Karin Lachenmeir

Esssucht (Binge-Eating-Störung)

Bei der Esssucht oder Binge-Eating-Störung liegt der Krankheitsbeginn durchschnittlich in einem Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Es gibt aber auch jüngere Betroffene. Ähnlich wie bei der Bulimie leiden sie an Heißhungeranfällen, die sie nicht unter Kontrolle haben. Dabei schlingen sie regelrecht, auch unabhängig von einem Hunger- oder Sättigungsgefühl.

Anschließend leiden Patientinnen und Patienten häufig unter Völlegefühl, Übelkeit oder Bauchschmerzen – aber auch unter Selbstekel, Niedergeschlagenheit und Schuldgefühlen. Weil das Essen so schambesetzt ist, essen sie oft heimlich und alleine. Die Diagnose einer Binge-Eating-Störung wird nur dann vergeben, wenn die Betroffenen von einem Leidensdruck berichten.

Anders als bei der Bulimie erfolgen bei der Binge-Eating-Störung keine gegenregulierenden Maßnahmen – es kommt also nicht zum Erbrechen oder zu radikalen Diäten.


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