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Buchtipp "Die man nicht sieht" Packender Roman von Lucía Puenzo

Aus Argentinien kommen immer wieder fabelhafte Schriftstellerinnen und Schriftsteller: Der großartige Ricardo Piglia ist 2017 verstorben, aber Claudia Piñeiro beispielsweise ist sehr produktiv. Im Mittelpunkt heute: Lucía Puenzos Roman "Die man nicht sieht".

Von: Heinz Gorr

Stand: 19.09.2018

Sie ist eine der interessanten, jüngeren Stimmen Argentiniens: Die 41-jährige Lucía Puenzo stammt aus Buenos Aires und ist seit geraumer Zeit auch als Regisseurin überaus erfolgreich: bereits ihr Debütfilm "XXY" gewann internationale Preise, ihr fünfter Roman "Wakolda" folgt den Spuren des Todesengels von Auschwitz, Josef Mengele, nach Patagonien - diesen Text hat sie auch selbst verfilmt.

Ihr Zuhause ist der Bahnhof

Im jetzt auf deutsch erschienenen Buch "Die man nicht sieht", begleiten die Leser drei Jugendliche, eigentlich noch Kinder, durch ihren Alltag in der argentinischen Hauptstadt. Ismael und Enana sind Teenager, Enanas kleiner Bruder Ajo ist gerademal sechs. Sie leben im Vorort Once, ihr Zuhause ist der Bahnhof, ihr Metier das Klauen.

"In Once war ihnen jeder Winkel vertraut; da wussten sie sich in Sicherheit zu bringen - vor der Polizei, vor anderen Straßenkinderbanden, Eltern, Brüdern, Onkeln oder Stiefvätern ..."

Aus dem Buch

Das Trio ist legendär

Es ist nicht irgendeine Diebesbande: Das Trio ist legendär, weil es selbst in bestgesicherte Wohnungen der Nobelviertel einsteigt, meist dank der atemberaubenden Kletterei Ajos, dort immer nur so viel mitgehen lässt, dass es gar nicht oder sehr spät auffällt und - weil es niemals Spuren hinterlässt.

Etwas ist faul

Ihr Hehler und Auftraggeber nötigt sie plötzlich, das angestammte Ambiente zu verlassen: Man verfrachtet sie über den La Plata, wo sie in einem weiträumigen Parkareal in Ferienhäuser reicher Familien einbrechen sollen. Anders als in den Gated Communities von Buenos Aires ist dort, in Uruguay, alles legerer, bewacht werden die riesigen Anwesen meist nur von den Verwaltern. Und doch spürt Ismael, der die "Gefahr förmlich riechen" kann, dass hier etwas faul ist:

"Ismael wusste es; und er wusste, dass die Männer mit dem Pick-up es wussten. Das jedoch verwandelte den Auftrag in etwas ganz anderes: in einen Opfergang."

Aus dem Buch

Herz und gegenseitiges Vertrauen

Absolut ohne schiefe Robin-Hood-Romantik erzählt Lucía Puenzo vom ständig bedrohten, unsichtbaren Leben der drei Kinder, der "invisibles", wie es im Originaltitel heißt. Natürlich sind es kriminelle Jugendliche, doch ihre Herkunft lässt kaum andere Karrieren zu: Das fängt bei der Bildung an - Ismael kann als einziger lesen und schreiben - und endet in einer der vielen Sackgassen der südamerikanischen Großstadt-Gesellschaft: Ihre individuellen Charaktereigenschaften, Unerschrockenheit, Mut, Ausdauer, Zielstrebigkeit, Hingabe werden ausgenutzt, machen sie zum Spielball gewalttätiger Kleinganoven. Bei alledem besticht das ungewöhnliche Trio durch Herz und gegenseitiges Vertrauen. Ob ihre ungebrochene Vitalität auch ausreicht, um dem Komplott der Gangster zu entrinnen, so wie dem Schwarm aufgescheuchter Vögel?

"Sie rannten nicht mehr, um sich vor den Kiebitzen in Sicherheit zu bringen. Sie rannten, um die Angst, die Kälte, den Hunger, das Eingesperrtsein abzuschütteln. Sie rannten, weil die Extraportion Sauerstoff sie munter machte und weil von allem, was sie kannten, Adrenalin das war, was Glücksgefühlen am nächsten kam."

Aus dem Buch

Trotzdem glücklich?

Der Drive der Erzählung resultiert aus der Lebensenergie, die Ajo, Enana und Ismael versprühen; trotz ihrer Armut wirken sie, verglichen mit der saturierten, in ihrem umfassenden Reichtum erstarrten, sogenannten besseren Gesellschaft, glücklich. Bis die Gewalt derer ihre Existenz bedroht, die immer andere die Drecksarbeit machen lassen und jegliche Probleme mit Geld regeln wollen.

Spannend bis zum Schluss

Puenzos Sprache ist nah an ihren Protagonisten, nüchtern und ergreift nicht Partei für die kleinen Diebe. Und doch fiebert man bis zum dramatischen Finale mit bei Schlangenbissen oder sich permanent wandelnden gefährlichen Szenarien:

"Die man nicht sieht", der sehr lesenswerte Roman von Lucía Puenzo, ist - übersetzt von Anja Lutter - bei Wagenbach erschienen.


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