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Lese- und Rechtschreibstörung Definition und Merkmale

Kennzeichen einer Lese- und Rechtschreibstörung ist, dass die Kinder keine Lernprobleme an sich haben und auch in ihrer Begabung nicht eingeschränkt sind und trotz pädagogischer Unterstützung und Anleitung nicht dazu in der Lage sind, einzelne Buchstaben und Laute zu verbinden.

Von: Katharina Hübel

Stand: 04.09.2017

Auf einem Rabattplakat eines Baumarktes steht Fliesen fälschlicherweise nur mit einfachem i. | Bild: picture-alliance/dpa

Die Kinder lesen stockend, verlieren oft die Zeile, können Wörter am Anfang gar nicht zusammen aussprechen. Das Problem tritt nicht temporär, sondern dauerhaft auf. Wenn man die Kinder in den weiteren Schulklassen beobachtet, hält die Störung an. Sie lesen sehr langsam und verstehen oft das Gelesene nicht. Sie sind aber sehr wohl dazu in der Lage, komplexe Dinge zu analysieren, im Sachkundeunterricht mitzukommen, aber sie können den basalen Prozess des Lesens nicht bewerkstelligen.

Merkmale einer Lesestörung

Betroffene haben ausgeprägte Probleme bei der Zuordnung von einzelnen Buchstaben und Buchstabenkombinationen zu den Lauten, da der Verbindungsprozess gestört ist.

Menschen mit einer Lesestörung brauchen deutlich länger, um Buchstaben Lauten zuzuordnen, oder sie finden einfach nicht den richtigen Laut zu den Buchstaben. Eine besondere Herausforderung ist es für sie, nicht nur einen Buchstaben, sondern zum Teil mehrere Buchstaben einem einzigen Laut zuzuordnen wie beispielsweise beim „Sch“. Im Gegensatz zu den Kindern, die keine Lesestörung haben und Wörter schnell als Ganzes erfassen können, vermutlich basierend auf dem Erkennen von größeren Wortteilen wie z.B. Wortstämmen, müssen Betroffene systematisch, Buchstabe für Buchstabe, die Lautzuordnung aus dem Gedächtnis abrufen. Dies ist ein sehr mühsamer und fehleranfälliger Prozess. Dabei wird der Textzusammenhang oft nicht erschlossen.

Merkmale einer Rechtschreibstörung

Es fällt Menschen mit Rechtschreibstörung auffällig schwer – umgekehrt zur Lesestörung – den einzelnen Lauten die Buchstaben zuzuordnen. Hinzu kommt, dass die deutsche Schriftsprache keine ausschließlich lautgetreue ist, sondern dass es viele Rechtschreibregeln gibt, die man erlernt und die man anwenden muss. Obwohl sie Kinder mit einer Rechtschreibstörung nicht selten kennen, können sie diese nicht anwenden.

Das heißt, die Betroffenen müssen zwei Dinge bewältigen: erstmal eine Zuordnung von Laut und Buchstabe, dann wiederum aber ein teilweises Löschen dieser Zuordnung, weil aufgrund orthographischer Regeln viele Wörter anders geschrieben als gesprochen werden. Das sind zwei verschiedene Entwicklungsstufen.

"Betroffenen gelingt die Rechtschreibung nicht implizit, ohne Erklärung, warum man ein Wort im Deutschen so schreibt, wie man es schreibt. Die meisten Kinder lernen Rechtschreibregeln, aber sie haben sich auch ein großes implizites Wissen angeeignet durch häufiges Schreiben und Lesen: Wie schreibt man Auslaute, Anfangslaute, Endungen oder auch einen bestimmten Wortstamm?"

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Kinder mit Rechtschreibstörung haben Schwierigkeiten, beim Schreibenlernen automatisch auch Orthographiekenntnisse zu erwerben. Beispielsweise: „Mutter“ könnte man theoretisch auch „Muter“ schreiben. Doch gibt es die Regel im Deutschen, dass nach kurzem Vokal zwei Konsonanten folgen, in diesem Fall wird der nachfolgende Konsonant verdoppelt. Viele Kinder lernen, „Mutter“ richtig zu schreiben, ohne diese Regel explizit zu kennen.


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