Bayern 2


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Zum 100. Todestag Lena Christ: Eine sozialkritische Autorin

Einen Tag, nachdem Lena Christ ihr Testament gemacht hat, nimmt sie sich das Leben. Ihr materielles Erbe hat sie im Nachlass geregelt. Noch wichtiger ist für uns heute das literarische Erbe dieser bayerischen Schriftstellerin, die zeitlebens von schweren persönlichen und wirtschaftlichen Krisen heimgesucht wurde. Ihre autobiografisch gefärbten, gesellschaftskritischen Romane und Erzählungen berichten davon. Sie gewährt ihren Lesern tiefe Einblicke in das ärmliche Leben der Arbeiterklasse, der Dienstboten und der Landbevölkerung um 1900.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 27.06.2020 | Archiv

Als am 12.12.1912 der Prinzregent Luitpold in München stirbt, geht eine Ära zu Ende, die im Nachhinein gern als Bayerns goldenes Zeitalter verklärt wird. Doch vor dem Ersten Weltkrieg gestaltete sich die so genannte gute alte Zeit keineswegs für alle rosig. In den Romanen der Schriftstellerin Lena Christ wird das ärmliche Leben der Arbeiter, Dienstboten, kleinen Bauern und Tagelöhner jener Jahre sehr anschaulich beschrieben.

Die "Rumplhanni" träumt vom sozialen Aufstieg

BR-Verfilmung der "Rumplhanni" mit Monika Baumgartner in der Titelrolle und Karl Obermayr

In Christs Erzählung "Die Rumplhanni" etwa formuliert Johanna Rumpl – lediges Kind eines "Pfannaflickers" –  ihr Lebensglück so: "A Haus und a Kuah und a Millisupperl in der Fruah".  Es ist der bescheidene Traum vom sozialen Aufstieg, der Traum einer "Dahergelaufenen", die ihr Dienstbotendasein satt hat. 

In der Stadt, wo sie ihr Glück sucht, lernt sie zunächst das Gefängnis und das Elend der Wohnquartiere in der Münchner Au kennen. Zuviele "Garneamds" sind seinerzeit in Bayern unterwegs, kommen nach München und landen nicht selten bei der Fürsorge, wenn sie nicht gar "excessive Elemente" oder Prostituierte werden. Kinderarbeit, Armut, Kriminalität – die Prinzregentenzeit hat viele dunkle Seiten.

Viele Frauen verdienten sich ein Zubrot mit Gelegenheitsprostitution

Zwei Münchner Wäscherinnen bei der Arbeit. Für Frauen gab es wenige Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

Besonders schwierig ist die Situation in der Prinzregentenzeit nicht zuletzt für Frauen, denn ihnen bieten sich wenig Gelegenheiten, regulär Geld zu verdienen.

Lena Christ hält sich in den Jahren 1909/10 mit "Schreibarbeiten" über Wasser. Und mit Gelegenheitsprostitution. Ihre Polizeiakte enthält Vorstrafen wegen Kuppelei und Gewerbsunzucht. Damals keine Seltenheit. Um 1910 schätzt man die Zahl der heimlichen Prostituierten auf 2000. Offiziell gemeldet sind Ende 1909 eigentlich nur 140. Für die Königliche Polizeidirektion München ein altbekanntes Problem.

Wegen gewerbsmäßiger Unzucht angeklagte Frauen kamen ins Gefängnis

Arbeitssuchende Frauen auf einem Bahnhof, um 1914

In einem Bericht an die königliche Regierung von Oberbayern heißt es:
"München, den 16ten Februar 1900 Der Stand der polizeilich überwachten Prostituierten ist von 271 im Jahre 1898 auf 233 zurückgegangen. Irgendwelche moralstatistische Bedeutung kommt diesem Umstande nicht zu; die Schwankungen in der Zahl der inskribierten Prostituierten beruhen lediglich auf Zufall und lassen keinen Schluß auf den Umfang der hier betriebenen Gewerbsunzucht zu, solange nicht die zwangsweise Stellung der wegen Gewerbsunzucht abgestraften Weibspersonen – einschließlich der Minderjährigen – eingeführt wird."

Oft sind es Dienstmädchen, Fabrikarbeiterinnen oder Kellnerinnen, die als nicht registrierte Prostituierte ein paar Mark dazu verdienen und dann wegen gewerbsmäßiger Unzucht im Gefängnis landen. Lena Christ beschreibt in der Rumplhanni, wie fließend der Übergang von Straßenhandel zur Prostitution mitunter sein kann.

Thomas Grasberger auf Spurensuche in der "guten alten Zeit"

Paulanerplatz in der Au in München, 1900

Mit Lena Christs Werken und ihrer Biografie in der einen und Archivmaterialien in der anderen Hand beleuchtet Thomas Grasberger die schwierige soziale Lage der einfachen Leute zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Buchtipps:

Erinnerungen einer Überflüssigen

  • Autorin: Lena Christ
  • Gebundene Ausgabe: 180 Seiten
  • Verlag: Zenodot Verlagsgesellscha (21. September 2015)
  • ISBN-10: 384307996X
  • ISBN-13: 978-3843079969


Gesammelte Werke: Romane, Erzählungen und Autobiografie

  • Autorin: Lena Christ
  • Taschenbuch: 516 Seiten
  • Verlag: e-artnow (23. April 2018)
  • ISBN-10: 8026886100
  • ISBN-13: 978-8026886105

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