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Therapiemöglichkeiten Legasthenie und Dyskalkulie behandeln

Es gibt drei Säulen für eine erfolgreiche Therapie von Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung: die Arbeit mit dem Kind, mit den Eltern/der Familie und mit der Schule/Jugendhilfe.

Von: Katharina Hübel

Stand: 04.09.2017

Mädchen beim Üben von Rechenaufgaben, auf dem Tisch liegen Glassteinchen zur Versanschaulichung von Mengen und Zahlen. | Bild: picture-alliance/dpa

Es gibt klare Empfehlungen, welche Förderkonzepte und Methoden sinnvoll sind. Das Kind sollte basierend auf einer differenzierten Diagnostik in dem Bereich gefördert werden, in dem es Probleme hat. Die Förderung ist entweder einzeln oder in der Gruppe. In der Regel findet sie einmal in der Woche statt.

"Eine höhere Intensität ist empfohlen, ist jedoch auch mit höheren Kosten für die betroffenen Familien verbunden. Denn anders als die Diagnose wird die Therapie von Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörung von den Krankenkassen nicht bezahlt. Die Anbieter von Therapien sind breit gestreut. Ich empfehle, genau hinzuschauen. Eine Hilfestellung sind Zertifikate vom Bundesverband Legasthenie. So haben die so genannten Dyslexie- oder Dyskalkulietherapeuthen nach BVL e.V.  in der Regel eine grundständige Zusatzausbildung gemacht."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Kinder emotional aufbauen

Doch Kinder mit Lese-, Rechtschreib- und/oder Rechenstörung brauchen meist mehr als Nachhilfe im Orthographie-Regeln-Lernen oder Übungsblätter zu den Grundrechenarten. Die Kinder sind häufig demotiviert und haben Ängste, was sie in ihrem Entwicklungs- und Lernprozess blockiert.

"Die Kinder sind frustriert, weil sie viel üben und trotzdem versagen. Manchmal ist es auch so, dass sie sagen, sie haben Kopfschmerzen vor der Schule, wenn Deutsch ansteht oder Mathematik. Die Eltern sind total hilflos und gehen zum Kinderarzt, der aber diagnostiziert, dass organisch gesehen alles in Ordnung ist. Es gibt sogar Kinder, die häufiger der Schule fernbleiben, um der Belastungssituation zu entgehen."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Auch erleben die von einer Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörung betroffenen Kinder häufig Mobbing in der Schule, Klassenkameraden machen sich über sie lustig, halten sie für dümmer. Auch gibt es manchmal sogar durch die Lehrkräfte Bloßstellung. Daher ist es auch die Aufgabe eines guten Therapeuten, beide Seiten – die Betroffenen und die Schule – in einen Dialog zu bringen und zu motivieren.

Eltern haben oft Schuldgefühle

Eltern haben oft sehr ausgeprägte Schuldgefühle, weil sie das Scheitern des Kindes als ihr Versagen erleben und dafür Verantwortung übernehmen. Sie haben häufig mit dem Kind viel geübt, versucht, es zu stärken, ohne dass sich maßgeblich etwas verändert hätte.

"Oft denken die Lehrer auch erstmal, die Eltern machen mit dem Kind zu Hause zu wenig. Dabei üben sie zu Hause viel, aber die Lehrkraft versteht das gar nicht. So prallen viele Meinungen aufeinander, ohne dass sie miteinander reden. Da muss man sensibel vermitteln."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Förderung bei Lese- und Rechtschreibstörung

"Leider muss man sagen, dass diese Förderung relativ zeitintensiv ist und sehr intensiv durchgeführt werden muss, um überhaupt Effekte zu erzielen. Mit Tipps und Tricks ist da relativ wenig zu machen, es ist ein systematischer Schriftspracherwerb."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Man fängt an, den Kindern systematisch die Struktur der Schriftsprache zu erklären, zu zeigen, welche Bestandteile es im Wort gibt, worauf man beim Schreiben des Wortes achten muss, wo sind die schwierigen Stellen, wie erkenne ich diese, wie komme ich zu einer Lösung, wie wende ich die Lösung an. Genauso braucht das Kind beim Lesen einen systematischen Leseaufbau, strukturiert durch Silben oder Morpheme. Durch das Aufgliedern der Struktur der Schriftsprache erkennen die Kinder die kleineren Einheiten und können so sukzessive eine Automatisierung erreichen, um auch die größeren Einheiten zu erkennen und zu verstehen, zum Beispiel: Endungen, Anlaute, Wortstämme.

"Das große Problem bei all den Förderkonzepten ist es, dass es nicht ausreicht, dass man den Kindern die Prinzipien erklärt, was häufig gemacht wird. Sie verstehen das dann, aber das Umsetzen ist das Problem. Das heißt, sie müssen in eine Lage versetzt werden, das Wissen anwenden zu können. Es gibt keinen Königsweg, es hängt vom Kind ab. Wichtig ist es, eine gute Beziehung zum Kind zu haben und dass das Kind motiviert wird, dass es sich selbst was zutraut, dass es merkt, dass es mit dem, was es sich angeeignet hat, auch was erreichen kann."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Das heißt: mit einfachen Aufgaben beginnen, bei denen das Kind merkt, dass es sie lösen kann. Die meisten Kinder mit einer Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörung haben die Erfahrung gemacht, dass sie scheitern. Sie sehen eine Aufgabe und trauen sie sich schon nicht zu.

"Die Kinder haben oft erstmal gar keine Lust, sich mit den Aufgaben auseinanderzusetzen, weil sie viele negative Lernerfahrungen gemacht haben. Erstmal muss man sie an die Aufgaben heranführen, dass sie überhaupt mal genau hinschauen."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Außerdem neigen viele Kinder dazu, dass sie die Aufgaben intuitiv lösen wollen, aber mit ihrer Störung meist nicht zum richtigen Ergebnis kommen.

Nachteilsausgleich in der Schule – aber nur für Legasthenie

Deswegen hat der Gesetzgeber auch beschlossen, einen Nachteilsausgleich einzuführen. Klassische Maßnahme ist die Zeitverlängerung bei Proben oder der Einsatz von Diktiergeräten.

"Das Dilemma ist, dass der Nachteilsausgleich bei Abschlussprüfungen nicht mehr gilt. Das ist für viele Betroffene ganz schwierig, weil sie bis dahin mit guten Noten gekommen sind und dann durch die Prüfung fallen. Und für die Rechenstörung gibt es nichts Vergleichbares, da gibt es keinen Nachteilsausgleich. Da klagen viele: Warum gibt es eine Störung erster und zweiter Klasse?"

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Förderung bei Rechenstörung

Zunächst ist es wichtig, die Mengenvorstellung zu entwickeln und zu üben: Was ist größer? Was ist kleiner? Was ist gleich? Was ist hoch? Was ist niedrig? Was hat mehr Volumen?

"Man kann eine Mengenvorstellung trainieren. Das eigentliche Dilemma ist, dass das meist nicht trainiert wird, weil kein Mensch darauf kommt, jemandem so etwas beizubringen, weil das normalerweise eine Entwicklungsaufgabe ist, die die meisten spielerisch lösen. Für die Förderung ist es so, dass man diesen Schritt nicht voraussetzen kann, sondern das systematisch einübt, von größeren Unterschieden zu kleineren kommt. Allerdings darf man da nicht stehen bleiben, es folgen weitere Herausforderungen, wie z.B. die Wertigkeit von Zahlen. Denn abhängig von der Position der Ziffer, z. B. der 1 als 1 in 10 oder in 100, hat sie eine unterschiedliche Wertigkeit, was sich z. B. auf die Rechenoperationen auswirkt."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Kein schulischer Nachteilsausgleich für Kinder mit Rechenstörung

Zumindest in Bayern wird die Rechenstörung als schulische Entwicklungsstörung in der Gewährung von Nachteilsausgleich nicht anerkannt. Der Gesetzgeber hat beschlossen, dass Kinder, die eine Lese- oder Rechtschreibstörung haben, Anspruch auf Nachteilsausgleich haben. Jede Lehrkraft muss sich auch damit auseinandersetzen, wann die Voraussetzung vorliegen und wie der Nachteilsausgleich zu gewähren ist. Vergleichbares liegt für die Rechenstörung nicht vor. Das heißt, Lehrer sind überhaupt nicht dazu aufgefordert, sich mit der Rechenstörung auseinanderzusetzen, es sei denn sie sind besonders für dieses Thema sensibilisiert. Viele Kinder mit Rechenstörung werden schlichtweg im Schulsystem übersehen.


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