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Legasthenie und Dyskalkulie Neu verstanden als Störung

Weltweit zeigen Studien mit Dritt- und Viertklässlern, dass insgesamt neun bis zwölf Prozent der Schulpopulation von Legasthenie und Dyskalkulie betroffen sind, sprich, eine Störung im Lesen, Rechtschreiben und/oder Rechnen haben.

Von: Katharina Hübel

Stand: 04.09.2017

Kinderfinger zeigt auf bunte Zahlenreihen, die nach außenhin verschwimmen. | Bild: picture-alliance/dpa

Pro Störung sind weltweit jeweils drei bis vier Prozent der Kinder betroffen. Die Ausprägung der Störung wird in Prozenträngen ausgedrückt, die durch Tests erhoben werden. Ein unterdurchschnittlicher Prozentrang ist kleiner gleich 16. Je niedriger der Prozentrang ist – zum Beispiel 1, 2, 3 – desto ausgeprägter ist die Problematik.

Was ist Legasthenie?

"Zunächst muss man sagen, dass der Begriff Legasthenie heute gar nicht mehr zutreffend ist. Das frühere Konzept von Legasthenie ist sehr pauschal und wurde auf Kinder angewandt, die Problem im Lesen und Schreiben haben. Aber das ist zu grob, man muss ausdifferenzieren, wenn man den Betroffenen richtig helfen möchte. Heute wissen wir, dass es Kinder gibt, die Probleme mit dem Lesen haben und zwar so ausgeprägt, dass man von einer Störung spricht. Dann gibt es Betroffene, die Probleme mit dem Rechtschreiben haben, und Kinder, bei denen sowohl das Lesen als auch das Rechtschreiben massiv gestört sind. Jede Störung muss für sich genommen anders angegangen werden."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Mit dem Konzept von „Legasthenie“ als einer pauschalen Störung hat man früher außerdem verbunden, dass es sich um Kinder handeln muss, die hochintelligent sind und bei denen meist eine familiäre Belastung vorliegt. Man weiß inzwischen, informiert Prof. Gerd Schulte-Körne, dass dieses Konzept nicht zutreffend ist. Der Begriff „Legasthenie“ wird zwar weiter benutzt, aber es ist durch wissenschaftliche Studien belegt, dass man besser trennt zwischen Lesestörung, Rechtschreibstörung und Lese- und Rechtschreibstörung.

"Früher wurde in der Schule und Lerntherapie häufig nicht so zwischen Lese- und Rechtschreibstörung differenziert. Dann hat man jedoch festgestellt, dass die Kinder von einzelnen Förderungen gar nicht profitiert haben, keinen Fortschritt erzielten. Das lag zum Teil auch daran, dass man sich primär auf die Rechtschreibschwäche fokussiert hat, aber das Problem im Lesebereich lag." Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Was ist eine Störung?

Störung und Krankheit sind keine trennscharfen Begriffe, letzten Endes gehören Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung international zu den Erkrankungen. Die Krankenkassen erkennen auch die Diagnostik als Leistung an, die finanziell übernommen werden muss. Generell werden der Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung Krankheitswert zugeschrieben, weil die betroffenen Menschen sehr darunter leiden können und sich daher aus der Diagnose auch ein Behandlungsauftrag ergibt.


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