Bayern 2


2

Legasthenie und Dyskalkulie erkennen Die richtige Diagnose

Für die komplexe Diagnostik von Legasthenie und Dyskalkulie ist psychologisches, medizinisches und neurologisch-organisches Wissen gefragt. Die einzigen Berufsgruppen, die dafür ausgebildet sind, sind die Kinder- und Jugendpsychiater.

Von: Katharina Hübel

Stand: 04.09.2017

Mädchen in der Praxis einer Kinderpsychiaterin - es wird getestet, ob eine Störung vorliegt. | Bild: picture-alliance/dpa

Damit man von einer echten Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörung sprechen kann, müssen bestimmte Merkmale vorliegen. Diese müssen aber auch erkannt werden, was im Alltag eher schwierig ist.

Voraussetzung: Massive Lernprobleme

Die Leistungsfähigkeit des Kindes oder auch Erwachsener in dem jeweiligen Teilbereich muss weit unterdurchschnittlich sein, sie müssen also stark betroffen sein. Nicht nur vorübergehend, sondern länger. Es handelt sich bei dem Betroffenen also nicht um ein Kind, das aufgrund akuter Lernprobleme in einem Bereich Defizite hat, sondern das tatsächlich eine grundständige Störung hat, die anhält, die auch nicht durch Nachhilfe weg geht.

Ausgeglichenes Begabungsprofil

Zudem müssen andere Erklärungen ausgeschlossen werden, beispielsweise eine Lernbehinderung. Das heißt, Betroffene sollten auch einen Intelligenztest machen, an dem man erkennen kann, ob insgesamt ein durchschnittliches Begabungsprofil vorhanden ist. Bei einer Lernbehinderung ist dies nicht der Fall.

Ausschluss von Ängsten

Auch muss man nach komorbiden Störungen schauen, also nach Störungen, die zusätzlich auftreten. Zum Beispiel könnte es sein, dass Kinder Ängste haben, Depressionen oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen. All das kann sich auf das Lernen auswirken. Manchmal sind aber auch Ängste und Depressionen die Folge von Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung, durch die das Kind ständig Schulversagen erlebt und es ihm nicht gut geht. Der Kinderpsychiater muss bei der Diagnose herausfinden, ob zusätzlich zu den Ängsten eine Lese-, Rechtschreib- oder Rechenstörung vorhanden ist.

"All diese Bereiche werden in den Alltagspraxis häufig nicht abgefragt, häufig werden nur Lese- und Rechtsschreibtests gemacht und dann ist Schluss. Aber das greift nicht. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Kinder falsch diagnostiziert, viel zu hoch."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Wer stellt die Diagnose?

"Für die komplexe Diagnostik ist psychologisches, medizinisches und pädagogisches Wissen gefragt. Die Berufsgruppe, die für die Anforderungen dieser Diagnostik ausgebildet ist, sind die Kinder- und Jugendpsychiater."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Es gibt aber auch andere Gruppen, die sich Expertise angeeignet haben: Kinder- und Jugendmediziner und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Auch im Bereich Schulpsychologie wird viel diagnostiziert, Schulpsychologen sind aber meist nur für die Test-Diagnostik ausgebildet und nicht für die Komorbidität und die neurologische Differentialdiagnostik.

"Ich schlage immer vor, ein gestuftes Verfahren zu machen: Zunächst ein niederschwelliges, sprich: bei den Lehrern und Schulpsychologen nachfragen. Man kann zum Screening auch zu Erziehungsberatungsstellen gehen oder zu ambulanten Diensten. Wenn diese den Verdacht auf eine Lese-Rechtschreibstörung oder Rechenstörung aufgrund der Entwicklungsgeschichte und auch von Tests ausschließen können, sollte man nach einem anderen Erklärungsmodell suchen. Liegen aber Hinweise für eine länger bestehende und nur in Teilbereichen auftretende Störung im Lesen, Rechtschreiben und/oder Rechnen vor, dann würde ich eine ausführliche Diagnostik beim Kinder- und Jugendpsychiater empfehlen."

Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität München


2