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Auf geht's! Die Kunst des aufrechten Gangs

Das Gehen ist eine vielfältige Kunst. Denn egal ob hüpfend, schlendernd, schwankend, stampfend oder hinkend – jeder hat seinen eigenen Stil. Thomas Grasberger nähert sich in mehreren Schritten der Kunst des Gehens an. In diesem Sinne also: Gehma!

Von: Thomas Grasberger

Stand: 03.02.2018 | Archiv

Auf den ersten Blick scheint die Sache einigermaßen klar zu sein: Man setzt einen Fuß vor den anderen, schreitet in mehr oder minder aufrechter Haltung voran, ohne je den Bodenkontakt zu verlieren – und nennt das Ganze kurz und bündig "Gehen". Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. Der Vor-Gang selbst ist schon einigermaßen kompliziert, wie Biologen bestätigen. Gehen ist eine motorisch anspruchsvolle Tätigkeit, die Koordination und Gleichgewichtssinn erfordert und daher nicht selten ein mühsam verhindertes Fallen, ein Stolpern ist.

"Die Entwicklung der Menschheit"

... wohl kaum einer hat sie kürzer und schöner beschrieben als Erich Kästner in seinem gleichnamigen Gedicht. Aber wie war das jetzt genau, mit der Menschheit? Und den Anfängen des Gehens? Josef Reichholf, der ehemalige Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München kennt sich aus mit solchen Viechern wie uns Menschen. Eines seiner Bücher trägt den Titel "Warum die Menschen sesshaft wurden". Es beginnt mit dem schönen Satz: "Unserer Natur nach sind wir Nomaden".

Aber wann hat das eigentlich angefangen mit dem Nomadisieren?

Josef H. Reichholf

"Also das nomadische Leben hat Millionen von Jahren vor unserer Zeit begonnen, in einer Phase, in der die Stammeslinie, die zu den Schimpansen einerseits und zum Menschen andererseits geführt hatte, anfing sich zu trennen. Das war nach heutigen Kalkulationen vor etwa fünf bis sechs Millionen Jahren. Damals verstärkte der Zweig, der zum Menschen führte, die morphologischen, also die im Körperbau sich äußernden Anpassungen an die zweibeinige Fortbewegungsweise, die Schimpansen und Verwandte auch ein bisschen können.

Beim Menschen, oder der Stammeslinie, die zum Menschen führte, sind die Zehen ja, ähnlich wie wir das an unseren Zehen sehen, zusammengezogen. Der große Zeh schmiegt sich an, er zeigt zwar eine gute Standfestigkeit. Aber das Entscheidende ist, wir gehen auf der ganzen Sohle. Wir sind Sohlengänger. Die nächst Vergleichbaren, das wären die Bären."

(Josef Reichholf, ehemaliger Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung München)

Die philosophische Heran-Gehens-Weise

Alte Griechen beim Wandeln

Aber auch die kulturelle Seite der Kunst des Gehens ist komplex und kennt viele unterschiedliche Heran-Gehens-Weisen. Eine philosophische etwa – die besten Gedanken entstehen bekanntlich beim Gehen, weshalb schon die Antike eine Philosophenschule kannte, deren Ver-Treter sich Peripatetiker nannten – nach dem griechischen Wort "Peripatos" für "Wandelhalle".

Gerd Holzheimer

"Der Sokrates hat ja seinen Schülern verboten, dass sie mitschreiben. Und deswegen mussten die gehen - da kann man auch in kein Wachstäfelchen was einritzen - weil er gesagt hat, die Gedanken müssen im Fluss bleiben. Die darf ich nicht festhalten.

Also es gab zwei Gründe fürs Gehen: Dass man in Bewegung ist, also auch geistig in Bewegung, und dass man nichts mitschreiben kann."

(Gerd Holzheimer, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller)

Entschleunigter Gedanken-Gang oder sportlicher Turbo-Schritt?

Schottischer Langstreckenläufer im Turbo-Schritt

Auch der Schriftsteller hat oft ein recht inniges Verhältnis zur ursprünglichsten und authentischsten aller Fortbewegungsarten. Sein entschleunigter Gedanken-Gang ähnelt dem des Flaneurs und unterscheidet sich wesentlich vom energischen Einherschreiten des Wanderers oder gar vom Turbo-Schritt des Leistungs-Sportlers.

Ihnen allen wiederum mag mitunter die tiefere Einsicht des Pilgers ent-gehen, der – soweit es eben geht – in sich geht.

Der wandernde Schriftsteller Harald Grill

"Zweimal Heimgehen" heißt Harald Grills großes Projekt, das ihn Anfang des Jahrtausends quer über den ganzen Kontinent geführt hat. Erst von Nord nach Süd. Und dann von Süd nach Nord. Fünfzig ist er damals grad geworden. Und weil er dieses Europa kennen lernen wollte und sich selbst auch, drum ist er ans Nordkap hinauf geflogen. Und heimgegangen, in die Oberpfalz. Und danach ist er nach Sizilien, mit dem Flieger. Und wieder heim! Zweimal sechs Monate war Harald Grill insgesamt unterwegs.

Nach seiner einjährigen Wanderung durch Europa ruht sich der Schriftsteller Harald Grill am 8. August 2001 vor der Walhalla in Donaustauf aus.

"Ein Jahr meines Lebens, ein sehr wichtiges Jahr. Wo sehr viel einfließt von meinen Eltern her, von meiner Vergangenheit. Während so einer langen Wanderung tun sich so viele Öffnungen auf, wo man plötzlich merkt, des passt alles in mein Leben eini, was ich jetzt da siehg. Und es ist so ein Kaleidoskop von Dingen, die auf den ersten Blick ned zammpassn. Aber dann passns doch zamm. Des ist so ein typisches Merkmal für Poesie: dass man Dinge, die nicht zusammenpassen, plötzlich an einem Fleck beinander hat. Und des san unwahrscheinliche Glücksgefühle dann, wenn man auf einem Stoa steht und dann fällt einem des ein und des ein, und dann schaut man über des ganze Land, in Lappland da irgendwo. ... Ja und auf d'Nachd ist man dann so miad, dass man meint, am nächsten Tag komm ich nicht mehr auf d'Höh. Und plötzlich ist diese erneuerbare Energie da, und man geht schon wieder und es ist so schee."

(Harald Grill, Schriftsteller)

Gehen ist eine vielfältige Kunst

Dass die Sache in Zeiten globaler ökologischer Ver-Gehen längst eine politische Dimension hat, versteht sich fast von selbst. Sollte der Fußgeher am Ende doch der eigentlich Auto-Mobile sein, der wahrhaft Selbst-Bewegliche?

Buchtipps:

Warum die Menschen sesshaft wurden: Das größte Rätsel unserer Geschichte

  • Autor: Josef H. Reichholf
  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 4 (1. Februar 2010)
  • ISBN-10: 3596179327
  • ISBN-13: 978-3596179329


gehen lernen: Roman in Geschichten

  • Autor: Harald Grill
  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
  • Verlag: St. Michaelsbund (14. Juni 2010)
  • ISBN-10: 3939905585
  • ISBN-13: 978-3939905585

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