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Kriminalität und Gewalt Christian Pfeiffer, Kriminologe: Studie zu Flüchtlings-Gewalt

Die Bluttat von Kandel hat das Thema Flüchtlinge und Kriminalität wieder in den Blickpunkt gerückt: Eine Studie untersucht, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Zuzug von Flüchtlingen und einer Zunahme von Gewalttaten. Einer der Autoren ist Professor Christian Pfeiffer.

Stand: 03.01.2018

Im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ist jetzt eine Studie mehrerer Kriminologen veröffentlicht worden. Einer der Autoren ist der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer.

Bayern 2-radioWelt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Flüchtlings-Zuzug und dem Anstieg der Kriminalität?

Prof. Christian Pfeiffer: Auf den ersten Blick ist das gar nicht zu bezweifeln. Wir haben nach sieben Jahren Rückgang um 22 Prozent plötzlich wieder einen Anstieg erlebt, als die Flüchtlingswelle kam - um zehn Prozent aller registrierten Gewalttaten. Und die aufgeklärten Fälle zeigen: Zu 92 Prozent ist dieser Anstieg auf Flüchtlinge zurückzuführen. Also auf den ersten Blick eine ziemlich bedrohliche Information, die ein bisschen dadurch relativiert wird, dass die Anzeigebereitschaft der Opfer deutlich erhöht ist, wenn man durch einen Fremden angegriffen worden ist. Und wenn der dann nicht einmal unsere Sprache spricht, man mit dem gar nicht verhandeln kann, ob er den Schaden wieder gut macht, dann ist der Ruf nach der Polizei doppelt so häufig zu erwarten. Das relativiert ein bisschen.

radioWelt: Geraten Flüchtlinge auch sehr viel häufiger unter Verdacht, ohne dass sie es gewesen sind?

Christian Pfeiffer: Richtig, auch das gilt. Weil man erst mal mit Ängsten und Misstrauen erfüllt ist gegenüber diesen fremden Menschen. Spannend wird es, wenn wir unterscheiden innerhalb der Flüchtlinge nach den verschiedenen Gruppen: Da gibt es solche, die verhalten sich ziemlich angepasst und brav. Warum? Weil sie die Chance haben, hier bleiben zu dürfen. Die wollen sie auf keinen Fall kaputt machen durch irgendeine unbedachte Dummheit. Die Mehrheit der Flüchtlinge, die aus Syrien kommen, aus dem Irak oder Afghanistan, die sind keine große Gefahr, weil sie hier Chancen haben. Völlig anders: die aus Nordafrika Geflüchteten. Da haben wir eine ganz andere Situation.

Flüchtende aus Kriegsgebieten überwiegend angepasst

Christian Pfeiffer: Ich will das am Beispiel der Raubdelikte deutlich machen: Von 100 tatverdächtigen Flüchtlingen in Niedersachsen kamen nur 16, die wegen eines Raubes ein Strafverfahren haben, aus diesen Kriegsgebieten, obwohl sie mehr als die Hälfte der Flüchtlinge stellen. Während die aus Nordafrika stammenden Flüchtlinge 31 Prozent der wegen Raubes Tatverdächtigen stellten, obwohl sie nur 0,9 Prozent unserer Flüchtlinge in Niedersachsen sind. Sie sind um das 35-fache überrepräsentiert. Sind die also die bösen Menschen und die anderen die braven? Nein! Die einen vermeiden alles, was ihnen Ärger mit den Behörden einbringt, weil sie hier bleiben können und bleiben wollen. Die anderen dagegen haben sofort nach der Ankunft die rote Karte gesehen, nämlich die Mitteilung: Ihr könnt hier nicht bleiben, ihr müsst alle wieder zurück.

radioWelt: Welche Rolle spielt die Eingebundenheit in eine Familie? Ist der Flüchtling, der allein nach Deutschland gekommen ist, eher in Gefahr, kriminell zu werden, als der, der mit seiner ganzen Familie da ist?

Christian Pfeiffer: Eindeutig, ja! Es gibt eine zivilisierende Wirkung der Frauen. Wenn jemand eine feste Freundin hat und die gar schwanger ist und ein Kind bekommt, dann werden Männer plötzlich deutlich braver, angepasster, bemüht darum, diese junge Familie zu ernähren. Das heißt: Das Gefährliche sind junge Männer in Gruppe ohne weibliche Begleitung. Von daher verstehe ich aus kriminologischer Sicht ganz klar die Forderung nach Familiennachzug. Das muss die Politik entscheiden, denn sie hat dann natürlich höhere Sozialausgaben, aber sie zivilisiert die Männer in beträchtlichem Umfang, wenn sie das erlaubt. Ich bin gespannt, was bei den Koalitionsverhandlungen herauskommt.

radioWelt: Sie waren ja selber Politiker, Justizminister in Niedersachsen, welche politischen Konsequenzen würden Sie aus Ihrer Studie ziehen?

Christian Pfeiffer: Wir haben im letzten Jahr 327.000 Personen gesagt: Nein, Asyl kriegt ihr nicht! Das heißt, deren Hoffnung, in Deutschland bleiben zu können, ist erst einmal gestört. 200.000 haben dann unsere Verwaltungsgerichte beschäftigt und Klage eingereicht gegen diese Entscheidung. Ein kleiner Teil wird auch Erfolg haben, aber die große Mehrheit eben nicht. Und das macht uns etwas Sorgen. Was die Politik bisher noch nicht klar erkennen lässt: Was will sie mit dieser riesigen Zahl von Menschen machen, denen wir hier keine Chancen bieten wollen und können? Die Ausweisung - es waren nur rund 22.000 im vergangenen Jahr - das allein kann nicht die Lösung sein. Die Länder sind unwillig, ihre Landsleute zurückzunehmen. Aus unserer Sicht sollten wir die Entwicklungshilfe ganz stark an diese Länder richten. Und beispielsweise den drei nordafrikanischen Ländern sagen: Ok, wenn ihr eure Leute zurücknehmt, dann bekommt ihr viel Geld für Eingliederungsprogramme. Wir unterstützen euch, dass ihr mit denen gut klar kommt, dass die eine Perspektive in eurem Land erhalten  Und wir bemühen uns, ihnen auch hier schon Startvoraussetzungen mitzugeben, indem sie an Sprachkursen teilnehmen, an Praktika. Also ein großes freiwilliges Rückkehrprogramm, das teuer sein wird, das vermutlich mindestens eine Milliarde kostet – aber wir haben ja 35 Milliarden zu viel an Steuern bezahlt im letzten Jahr. Geld ist da, das man für die Sicherheit der Bürger einsetzen könnte.


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