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Psychische und physische Herausforderung Krebs im Alter

Die Behandlung von Krebserkrankungen bedarf bei älteren Patienten besonderer Ansprüche und bringt für die Patienten sowohl physische als auch psychische Herausforderungen mit sich.

Von: Max Tenschert

Stand: 19.10.2021 11:47 Uhr

Bevor Ursula Gnadt eine Chemotherapie bekam, wurde ihr Tumor im Brustzentrum der Charité genetisch getestet.
| Bild: BR/rbb

Eine Krebserkrankung stellt ältere Patienten vor besondere Herausforderungen. Häufig liegen bei den Patienten bereits Vor- oder weitere Erkrankungen vor. Sind die körperlichen Reserven eingeschränkt, können auftretende Nebenwirkungen der Krebstherapie möglicherweise nicht so gut bewältigt werden.

Expertin:

Dr. med. Friederike Mumm, Oberärztin in der Hämatologie/Onkologie; Med. III LMU Klinikum München und Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Psycho-Onkologie am Comprehensive Cancer Center - CCC München LMU

Insbesondere bei der Einnahme von Medikamenten muss zudem auf deren Wechselwirkungen zur Tumortherapie geachtet werden. Hinzu kommen die psychischen und sozialen Gegebenheiten, die im Zuge der Behandlung älterer Patienten eine große Rolle spielen und Einfluss darauf haben können, welche Therapie für den jeweiligen Patienten infrage kommt.

Dem Text liegt ein Interview mit Dr. med. Friederike Mumm, Oberärztin in der Hämatologie/Onkologie; Med. III LMU Klinikum München und Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Psycho-Onkologie am Comprehensive Cancer Center - CCC München LMU, zugrunde.

Krebs kann bei älteren Patienten oft für Einschränkungen in deren Mobilität sorgen. Durch gezielte Therapieansätze wird jedoch versucht, die Lebensqualität und Selbstständigkeit neben der Behandlung des Tumors zu erhalten. Aufgrund einer zunehmenden Vielfalt von Behandlungsverfahren sowie Verbesserung des Nebenwirkungsmanagements können auch sehr betagte Patienten behandelt werden.

In die Behandlungsplanung müssen grundsätzlich auch mögliche Nebenwirkungen miteinbezogen werden und sollten sorgfältig abgewogen werden, da diese gerade bei älteren Patienten zu bleibenden Einschränkungen führen können. In diesem Zusammenhang ist es im Rahmen der Therapieplanung von enormer Bedeutung, auf die individuellen körperlichen und psychosozialen Gegebenheiten bei den jeweiligen Patienten besondere Rücksicht zu nehmen.

"Gerade mit älteren Menschen braucht es sehr viel mehr Gespräch, Nachfragen und Hinhören – um herauszufinden, wie die individuelle Situation ist."

Dr. Friederike Mumm

Medizinische Untersuchungen zeigen, dass Krebs im Vergleich verschiedener Altersgruppen häufiger bei älteren Patienten auftritt. Dieser Umstand beschränkt sich in der Regel nicht auf einzelne Krebsarten und wird durch das Zellalter verursacht.

Altersbedingt verändert sich die Funktionsweise einzelner Organe. Insbesondere auch kognitive Funktionen müssen im Blick behalten werden. Darauf muss auch im Zuge der Planung einer Krebsbehandlung Rücksicht genommen werden. Ziel ist aber immer, trotz der vorliegenden Umstände die wirkungsvollste Therapie zu finden, ohne zu schaden. Wird vor Beginn der Therapie eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit eines Organs festgestellt, muss geprüft werden, ob die Behandlung durchgeführt werden kann. Während einige Behandlungsoptionen in jenem Fall mit reduzierter Dosis möglich sind, sind andere – etwa bei einer vorliegenden geschwächten Herzfunktion – nicht durchführbar.

Beim Vorliegen von altersbedingten Krankheiten wie Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Funktionseinschränkungen der Nieren ist bei der Therapieplanung abzuwägen, welche Erkrankung den Zustand der betroffenen Patienten akut und im langfristigen Verlauf mehr beeinflusst. Auf Basis der persönlichen Wünsche und Bedürfnisse der jeweiligen Patienten ist zudem auch die Expertise verschiedener medizinischer Fachgebiete notwendig, die gemeinsam im Rahmen von Tumorkonferenzen an zertifizierten Krebszentren derart komplexe Fälle thematisieren.

Eine wichtige Säule im Behandlungskonzept ist die Ernährung. Eine Krebsbehandlung kann oftmals die Essgewohnheiten der Patienten beeinflussen und infolge zu einem Gewichtsverlust führen. Ein derartiger Gewichtsverlust kann Nebenwirkungen der Krebstherapie begünstigen und auch die Lebensqualität sowie den Krankheitsverlauf beeinflussen. Um dem vorzubeugen, ist eine ausgewogene Ernährung unabdingbar. Weiterhin kann es durch den Mangel an Bewegung während einer Krebstherapie zum Muskelabbau kommen. Daher sind bewegungsfördernde Maßnahmen wichtig.

"In Bewegung bleiben, gute Ernährung, geistige Anregungen und Begegnungen - das sind wichtige Aspekte - nicht nur für ältere Patienten." Dr. Friederike Mumm

Auch wenn wir immer wieder hören, dass ältere Menschen Arztbesuche aus Angst, Scham oder "falscher Bescheidenheit" vermeiden, ist es wichtig, die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Denn auch im Alter gilt: Je früher der Krebs entdeckt wird, desto besser sind in der Regel die Behandlungsoptionen. Um die Angst vor dem Arztbesuch zu mildern, können im ersten Schritt Informationen und Fakten aus seriösen Quellen helfen. Eine wichtige Rolle kommt hier den Hausärzten zu. Auch eine Vertrauensperson aus der Familie ist nicht selten ein wichtiger Begleiter bei Arztbesuchen.

Eine Krebsbehandlung kann für betroffene Patienten sowie Angehörigen eine große Herausforderung darstellen – sowohl für den Körper als auch für die Seele. Daher sollten sich Betroffene Unterstützung für die Zeit während und nach der Therapie suchen. Neben dem familiären Beistand gibt es auch eine Vielzahl externer Angebote.

Psychosoziale Unterstützung

Die psychosoziale Unterstützung und Begleitung ist fester Bestandteil der Krebstherapie. Im Rahmen der Krebsbehandlung gilt es, das Augenmerk auch auf soziale Aspekte für die Zeit nach der Akuttherapie bzw. Entlassung zu lenken. In der Regel werden in diesem Schritt auch die Unterstützungsmöglichkeiten zuhause geprüft.

Unterstützung in der Klinik

Neben der Familie und weiteren Bezugspersonen, die im unmittelbaren Umfeld der Patienten stehen, kann Unterstützung auch von weiteren Stellen kommen. Bei einem Klinikaufenthalt kann etwa der klinikeigene Sozialdienst hinzugezogen werden. Dieser unterstützt die Organisation des Übergangs von der Klinik ins häusliche Umfeld, in die Rehabilitation oder falls notwendig auch in eine Pflegephase.

Belastung durch Veränderungen

Nicht unbeachtet bleiben sollte auch eine mögliche Belastung durch den Wegfall der Alltagsstruktur mit dem Ende der Berufstätigkeit, die Belastung der damit in der Regel verbundenen negativen finanziellen Veränderung und damit einhergehend die Belastung durch das Risiko der Altersarmut.

Ein weiterer wichtiger Begleiter kann die Psycho-Onkologie sein. Psycho-onkologische Unterstützungsangebote existieren in Kliniken, Rehabilitationseinrichtungen und Krebsberatungsstellen. Darüber hinaus gibt es spezialisierte niedergelassene Psychotherapeuten. Die vier Säulen der psycho- onkologischen Unterstützung sind informieren, beraten, begleiten und behandeln. Die Bewältigung der Krebserkrankung und ihrer Folgen ist für alle Patienten eine große Herausforderung. Existenzielle Ängste und Sorgen belasten Betroffene. Jeder Zweite fühlt sich Untersuchungen zufolge durch seine Krebsdiagnose sehr belastet. Gerade bei älteren Menschen werden Depressionen - nicht nur, aber auch im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung - oft nicht erkannt und bleiben demzufolge unbehandelt. Ursache dafür ist, dass typische Anzeichen wie eine tiefe Traurigkeit und Schwermut, Interessenverlust und Rückzug aus dem sozialen Leben häufig als natürliche Begleiterscheinungen des Alters eingeordnet werden. Für die älteren Betroffenen kann es zu Beginn Überwindung kosten, Unterstützung anzunehmen, und sehr ungewohnt sein, über die persönliche Situation, Gefühle und eigene Bedürfnisse zu sprechen. Daher werden von den beratenden Stellen niederschwellige Zugänge geschaffen, um einen einfachen Einstieg zu ermöglichen. Eine weitere Möglichkeit für unkomplizierte Unterstützung bieten etwa Selbsthilfegruppen mit anderen Betroffenen oder Angebote der Telefonseelsorge, Krisendienste und Telefonhotlines wie die "Telefonengel" des Retla e.V.

"Ältere Menschen treiben häufig andere Sorgen und Ängste um. Was dem Einzelnen guttut, stützt und hilft die Auswirkungen und Herausforderungen der Krebserkrankung zu bewältigen ist dabei sehr individuell. Beeindruckend ist, wie diese auf Lebenserfahrungen und erlebte Kraftquellen zurückgreifen zu können."

Dr. Friederike Mumm

Um den Bedürfnissen von älteren Menschen mit einer Krebserkrankung gerecht zu werden, wurde das Projekt KiA – Krebs im Alter 2019 vom Verein lebensmut e. V. ins Leben gerufen und zusammen mit dem Interdisziplinären Zentrum für Psycho-Onkologie am Comprehensive Cancer Center - CCC München LMU als Partner umgesetzt. Gefördert wird dieses psycho-onkologische Unterstützungsangebot von der Beisheim Stiftung.

KiA – Krebs im Alter richtet sich an Krebspatienten über 65 und ihre Lebenspartner und behandelt wichtige Themen, die diesen Personenkreis im Rahmen der Krebsbehandlung bewegen. Das Projekt bietet Informationen, Beratung und Begleitung für die Betroffenen. Dazu gehören neben Gesprächen auch Informationsangebote wie eine fünfteilige Seminarreihe. Schließlich bietet KiA regelmäßige Treffen mit anderen Krebspatienten, bei denen die Patienten die Themen bestimmen und die nicht zwingend den Krebs als Hauptthema haben müssen.

"Gefühle zu teilen verbindet und entlastet. Dieser offene Kreis wird sehr gut angenommen und stellte gerade auch in Corona-Zeiten eine wichtige Stütze für die Betroffenen dar.."

Dr. Friederike Mumm

Die Teilnahme am Projekt ist kostenlos möglich. Patienten und Angehörige können sich jederzeit für Informationen oder auch Gesprächstermine melden.

Kontakt:

Verein lebensmut e.V. München, Projekt KiA – Krebs im Alter
Karen Stumpenhusen
Telefon 089 / 4400-74918
E-Mail: karen.stumpenhusen@med.lmu.de


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