Bayern 2


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Kommentar Wer trägt die Verantwortung für die Bootsunglücke?

Die Namen, die Schicksale werden wir bei vielen nie erfahren. Und wie so oft war es auch bei den bisher letzten großen Unglücken einfacher, die Überlebenden zu zählen, als die Toten auf dem Meeresgrund. Das wirklich Bittere: Viele von ihnen hätten gerettet werden können.

Von: Weiß, Lisa

Stand: 21.01.2019

Bootsflüchtlinge im Mittelmeer | Bild: picture-alliance/dpa

Der Januar ist noch nicht vorbei und schon ist die Zahl der Toten im Mittelmeer in diesem Jahr dreistellig. Männer, Frauen und Kinder, die verzweifelt alles hinter sich gelassen haben, in der Hoffnung auf ein neues, menschenwürdiges Leben. Die Namen, die Schicksale werden wir bei vielen nie erfahren. Und wie so oft war es auch bei den bisher letzten großen Unglücken einfacher, die Überlebenden zu zählen, als die Toten auf dem Meeresgrund. Das wirklich Bittere: Viele von ihnen hätten gerettet werden können. Wenn nicht Europa und insbesondere Italien aus Angst vor illegalen Einwanderern den Tod dieser Menschen billigend in Kauf nehmen würden. Indem sie unter anderem den privaten Seenotrettungsorganisationen, die Schiffbrüchige aus dem Mittelmeer retten, Steine in den Weg legen, wo es nur geht.

Ein Beispiel: Die meisten dieser NGO-Schiffe müssen momentan im Hafen bleiben, ausgebremst von den Behörden, weil sie nicht richtig registriert sein sollen. Und selbst wenn ein Schiff auf dem Mittelmeer unterwegs ist, wie aktuell die SeaWatch 3 , heißt das nicht, dass die Besatzung Schiffsbrüchige retten darf, sie braucht dafür eine Erlaubnis von der zuständigen Küstenwache. Und die bekommt sie nicht immer – auch bei einem der tragischen Unfälle an diesem Wochenende nicht.

Wenn Europa die NGO-Schiffe ausbremsen würde, aber dann selbst retten würde, wäre das alles ja noch gar nicht so schlimm. Aber oft genug kommt überhaupt niemand schnell den Verzweifelten auf dem Meer zur Hilfe. Denn Italien und Malta erklären sich häufig für nicht zuständig und verweisen an die libysche Küstenwache – und die besteht, wen wundert es, zu großen Teilen aus obskuren Schergen, für die das Leben der Schiffbrüchigen wenig zählt. Da antwortet mal wieder niemand auf Notrufe und selbst wenn die libysche Küstenwache wirklich mal Migranten an Bord nimmt, wartet auf diese Menschen Gefängnis, Folter, Vergewaltigung in den Lagern in Libyen – das berichten Menschenrechtsorganisationen immer wieder. Es ist menschenunwürdig, Migranten dorthin zurückzuschicken und es ist gegen jede Menschlichkeit, sie im Meer sterben zu lassen. Doch aus den Augen, aus dem Sinn – und Italien und Malta können sich mit gutem Gewissen zurücklehnen: Man hat ja gemäß den Regeln gehandelt und die libysche Küstenwache informiert.

Und Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega setzt dem ganzen jetzt noch die Krone auf.: Er macht die NGOs, die die Migranten an Bord ihrer Schiffe nehmen, für die vielen Todesfälle auf dem Meer verantwortlich. Seine krude Begründung: Wenn die NGO-Schiffe im Meer sind, nähmen die Schlepper ihre schmutzige Arbeit wieder auf. Und so sterben dann Menschen.  Das ist einfach nur zynisch, inhaltlich falsch sowieso. Eine italienische Tageszeitung hat mit Recht darauf hingewiesen, dass momentan sowieso nur ein einziges NGO -Schiff im Mittelmeer unterwegs ist. Und dass die Verantwortung für die Todesfälle bei den Schleppern zu suchen sei, die die Verzweifelten in seeuntüchtige Schlauchboote setzen, nicht bei den Hilfsorganisationen. Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Außer dass Salvini, wenn er schon Mitschuldige für die vielen Toten im Mittelmeer sucht, vielleicht mal seine eigene Politik anschauen sollte.

 


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